Ausstellung

Das Selbstbild und die Klischees der anderen

C/O Berlin zeigt afrikanische Fotografie aus der Walther Collection

Stolz, halb oder ganz nackt und exotisch, mal mit Stammestracht, mal ohne – so erscheinen die Afrikaner in frühen fotografischen Darstellungen, aufgenommen natürlich von Weißen. Einer von ihnen war A. M. Duggan-Cronin, ein Südafrikaner irischer Herkunft, der in elf opulenten Bildbänden zwischen 1929 und 1954 die indigene Bevölkerung Südafrikas dokumentieren wollte. Seine monumentale Studie versammelt Tausende Fotografien, die während ausgedehnter Reisen durch Südafrika entstanden. Akribisch werden die Porträtierten nach Stamm und Gruppe klassifiziert, mit entsprechenden Insignien abgelichtet. Für ihre Akkuratheit sind Duggan-Cronins Fotografien berühmt, selbst Nelson Mandela schätzte sie. Doch gleichzeitig wurden sie dafür kritisiert, dass sie die Afrikaner auf ethnografische Typen reduzierten.

Einen Gegenentwurf zum Bild des schwarzen Exoten schafft Santu Mofokeng mit dem „Black Photo Album“, einer in den 90er-Jahren im Rahmen eines Forschungsprojektes entstandenen Fotosammlung, die Porträtaufnahmen von schwarzen Arbeiter- und Mittelklassefamilien in der Zeit von 1890 bis 1950 in Südafrika zeigt. Wohlstand und Anpassung an europäischen Lebensstil sind in Kleidung und Posen deutlich zu erkennen, sodass beim Betrachter fast schon ein Unwohlsein aufkommt und die Frage, ob diese Bilder nicht Dokumente einer inneren Kolonisierung sind. Im Zweifel haben die Porträtierten die Bilder selbst in Auftrag gegeben und an der Inszenierung mitgewirkt. Mit wenigen Requisiten wird versucht, ein westlich-bürgerliches Ambiente zu schaffen, und der Eindruck erweckt, man sei in einer modernen, europäisch orientierten Gesellschaft angekommen.

In diesem Spannungsfeld zwischen Exoten aus Sicht weißer Anthropologen und der souveränen Selbstpräsentation einer schwarzen Mittelschicht, die sich an europäische Normen angepasst hat, bewegt sich die Ausstellung „Distance and Desire“ bei C/O Berlin. Sie versammelt Fotografien der Walther Collection, die ein großes Archiv afrikanischer Fotografien ihr eigen nennt. Nicht nur die unterschiedlichen Fremd- und Selbstbilder der Afrikaner werden deutlich, es stellen sich auch viele Fragen, die weit in die Kolonialgeschichte und ihre Auswirkungen bis heute reichen. Außerdem zeigt die Ausstellung, wie vielfältig die Fotografie schon in ihren Anfängen in Afrika verwendet wurde. Schon kurz nach Erfindung der Fotografie eröffneten nach 1830 in den meisten größeren afrikanischen Städten Fotostudios und machten das aus der Kunst bekannte Porträt für Millionen erschwinglich, auch für Schwarze. Die Konventionen der europäischen Malerei wurden dabei auf die Fotografie übertragen und den örtlichen Gegebenheiten angepasst, sodass Mischformen entstehen wie etwa bei dem würdevollen Porträt jenes Häuptlings, der in westlicher Kleidung mit Anzug und Hut auf einem Stuhl mit Leopardenfell zu sehen ist.

Auf Postkarten und sogenannten Cartes de visite, kleinformatigen Bildkarten, wurde vor allem das Exotische an den Afrikanern, und gerne auch das Erotische vor allem bei den Frauen festgehalten und in Umlauf gebracht. Die Motive ähneln denen Duggan-Cronins und sind offenbar von Weißen für Weiße gemacht, um das Bild des Primitiven, Wilden und Fremden zu bestätigen, das man sich daheim im bürgerlichen Wohnzimmer von den Afrikanern in den fernen Kolonien machte.

Dass solche Bilder zeitgenössische Künstler zu einer eigenen Auseinandersetzung provozieren, zeigen die Arbeiten einiger Gegenwartskünstler wie Samuel Fosso, der 1997 einen Afrikaner mit Leopardenfell und Sonnenbrille vor dem Hintergrund afrikanischer Stoffe fotografiert und dieses Bild mit dem Titel „Der Chief, der Afrika an die Kolonisten verkaufte“ versieht. Im Spiel mit vorgefundenen Bildern entstehen hier humorvoll-kritische Kommentare zu einer Bildtradition, die viele Fragen aufwirft.

C/O Berlin Amerika Haus, Hardenbergstr. 17, Charlottenburg. Tel.: 84 44 16-62. Täglich 11-20 Uhr. Bis 14. Juni.