Kino

„Der ganze Bohei lenkt nur von den Filmen ab“

Ein Treffen mit den einzigen deutschen Regisseuren auf dem Festival von Cannes

Mit Lampenfieber geht jeder anders um. Auch die beiden Nachwuchsregisseure aus Deutschland, die gerade ihre ersten Kurzfilme in Cannes, auf dem wichtigsten Filmfestival der Welt, präsentieren. Für Eliza Petkova, die an der Deutschen Film- und Fernsehhochschule Berlin (DFFB) studiert und deren Kurzfilm „Abwesend“ am Donnerstag Premiere feiert, ist es die erste Einladung zu einem Filmfest überhaupt. „Ich versuche, es zu verdrängen“, sagt sie, „ich will mir keine Hoffnungen machen, damit ich dann nicht enttäuscht werde.“ Lieber geht sie in Filme bereits etablierter Kollegen. Patrick Vollrath hat seinen Kurzfilm „Alles wird gut“ bereits im Januar beim Filmfest in Saarbrücken gezeigt. Aufgeregt ist er vor der Cannes-Premiere am heutigen Dienstagabend trotzdem. „Das ist schon ein anderes Publikum hier, das sind alles Profis. Ich bin schon gespannt, wie mein Film ankommt. Und ob die Technik mit den Untertiteln funktioniert.“

Jedes Jahr wird ja aufs Neue lamentiert, dass der deutsche Film in Cannes ignoriert wird. Nur im Kurzfilmbereich finden sich Ausnahmen. Und die repräsentieren dann irgendwie das heimische Kino. Der im Harz aufgewachsene Vollrath studiert an der Wiener Filmakademie in der Regieklasse von Michael Haneke. Haneke, gleich zweifacher Goldene Palme-Gewinner, schwärmte, „Alles wird gut“ sei „ein berührender Film, der von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt.“ Das Zitat steht jetzt auf dem Filmplakat, genauso wie eine Empfehlung des iranischen Filmemachers Abbas Kiarostami. Neben dem Lob der Altmeister kommt der Kurzfilm schon prämiert nach Cannes. Sein 30-Minüter wurde mit dem Max-Ophüls-Preis als bester mittellanger Film ausgezeichnet.

Beide Cannes-Debütanten haben sich mit Abendgarderobe ausgestattet, die hier bei Premieren Pflicht ist. Während Petkova findet, dass „der Bohei nur von den Filmen ablenkt“, kann sich Vollrath nach ersten Zweifeln jetzt damit anfreunden. „Durch dieses Zelebrieren ist ein ganz anderer Respekt da, wenn alle aufstehen und applaudieren, das beeindruckt mich schon.“ Einen eigenen Smoking besitzt er allerdings nicht, für die Woche an der Croisette hat sich der 30-Jährige einen ausgeliehen.

Neben den Filmen stehen auch Treffen mit anderen Regisseuren, Pressetermine und Gespräche mit Produzenten auf dem Programm. Dabei ist Netzwerken nicht so Petkovas Sache. „Ich gehe nicht so gern auf Veranstaltungen und biete meine Ideen an.“ Vollrath dagegen hat bereits vorher Termine mit Produzenten ausgemacht, mit denen er sich treffen will. „Alles wird gut“ ist der Abschlussfilm seines Bachelorstudiengangs. Er ist selbst überrascht über die positive Resonanz. „Nachher unterschreibe ich bei einem Weltvertrieb, der die Rechte international verkaufen will. Und es haben mich schon etliche Produzenten angesprochen, die mit mir arbeiten wollen.“ Es läuft gerade so gut, dass Vollrath vor dem Master eine Studienpause einlegt und eigene Stoffe entwickelt. „Das Interesse ist gerade groß, das will ich ausnutzen.“ Er hat ein Serienkonzept, einen Kinderabenteuerfilm und ein Terrorismusdrama über die Auswirkungen der alltäglichen Bedrohung.

Noch konkreter sind Petkovas Pläne für ihr Langfilmdebüt, ein dokumentarischer Spielfilm, in dem die bulgarischen Dorfbewohner sich selbst spielen. Die Dreharbeiten beginnen in einem Monat. „Meine Gedanken sind gerade nur dort, wie ich das alles schaffe. Es gibt dort keine Elektrizität und ich habe noch nicht alle Darsteller. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser.“ Gar nicht so unwahrscheinlich, dass die beiden Nachwuchsfilmer irgendwann wieder hier in Cannes sind.