Film

Frauenoffensive in Cannes

Heute beginnt das Filmfestival. Noch nie waren dort so viele Regisseurinnen vertreten

Die Fassade des Palais, sonst in tristem Betongrau, erstrahlt bereits in blendendem Weiß. Überlebensgroß thront oben das Bildnis der Königin des Kinos, während unten noch die Arbeiter den Roten Teppich ausrollen. Fast gütig blickt Ingrid Bergman herab auf das geschäftige Treiben, den Aufbau der Absperrungen und Scheinwerfer, bevor heute hier in Cannes die Filmfestspiele beginnen. Noch ist die Kleinstadt fest in der Hand von Rentnern und Touristen, die meisten der rund 4000 akkreditierten Journalisten kommen erst an. Ab dem heutigen Mittwoch ist der Ort dann Mittelpunkt der Filmwelt. Und die abgehetzten Festivalbesucher laufen am Hafen an den alten Boulespielern vorbei, die der ganze Trubel so gar nicht aus der Ruhe bringt.

Übertrumpfen ist das Motto

Und auch wenn das offizielle Festivalplakat mit dem „Casablanca“-Star um Klassen mehr Glamour hat als die ewig gleichen Grafikspielereien der Berlinale, drängt sich doch der Eindruck auf, das wichtigste Filmfest der Welt wolle in diesem Jahr der Berliner Konkurrenz nacheifern. Denn wie schon im Februar am Potsdamer Platz eröffnet nun auch heute an der Croisette eine Regisseurin den Wettbewerb. Die Französin Emmanuelle Bercot läutet mit „La tête haute“ den Jahrgang 2015 ein. In 67 Jahren ist dies erst einmal zuvor passiert, 1980 war Diane Kurys mit „Un homme amoureux“ die Pionierin. Das Festival war selbst so überrascht von der eigenen Chuzpe, dass man sie in der Pressemitteilung gleich zur ersten Cannes-Eröffnerin überhaupt erklärte.

Viele Jahre ist Programmleiter Thierry Frémaux dafür kritisiert worden, den Wettbewerb fast ausnahmslos mit männlichen Regisseuren zu bestücken. Nicht, dass man die Frauen hier nicht geliebt hätte, aber es waren meist die vor der Kamera, die Filmdiven, die dann den Roten Teppich schmücken sollten. Immerhin hatte man im vergangenen Jahr eine weibliche Jurypräsidentin, Jane Campion. Die Neuseeländerin ist bis heute auch die einzige Regisseurin, die jemals mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme 1992 für „Das Piano“, ausgezeichnet wurde.

Aber Cannes wäre natürlich nicht Cannes, wenn es beim Nacheifern der Berlinale bliebe. Übertrumpfen muss man im immer härter werdenden Konkurrenzkampf der großen A-Festivals. Und so wird in diesem Jahr nicht nur die 1982 verstorbene Ingrid Bergman als Ikone des Festivals geehrt – außer auf dem Plakat taucht sie auch in mehreren Dokumentationen auf. Auch im Wettbewerb laufen immerhin zwei Filme von Frauen. Beide Französinnen wie Bercot, deren Film mit Catherine Deneuve zum Auftakt allerdings außer Konkurrenz läuft. Maïwenn geht mit „Mon roi“ ins Rennen, Valérie Donzelli mit „Marguerite & Julien“.

Außer Konkurrenz läuft das Regiedebüt von Hollywoodstar Natalie Portman, eine Verfilmung der Kindheitserinnerungen des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Die Schauspielerin und Bergman-Tochter Isabella Rossellini hat den Juryvorsitz der Nebensektion Un Certain Regard. Und die französische Filmemacherin Agnès Varda wird, ebenfalls als erste Frau in der Geschichte des Festivals, für ihr Lebenswerk mit einer Ehrenpalme geehrt.

Ganz ohne Altmeister kommt freilich auch Cannes nicht aus. Die Namen klingen wie das Who’s who des Weltkinos. Gus Van Sant ist zurück mit „The Sea of Trees“ mit Naomi Watts und Matthew McConaughey. Gleich drei Italiener wurden erwählt: Nanni Moretti, einst Palmensieger für „Zimmer meines Sohnes“, ist zurück mit „Mia Madre“, Paolo Sorrentino versammelt in „Youth“ Michael Caine, Harvey Keitel und Jane Fonda, und „Gomorrha“-Regisseur Matteo Garrone präsentiert „Tale of Tales“, eine Adaption der Märchensammlung „Pentameron“.

Promis selbst in Nebensektionen

Melo-Meister Todd Haynes lässt in seiner Patricia-Highsmith-Adaption „Carol“ Cate Blanchett und Rooney Mara eine lesbische Affäre im New York der 50er-Jahre erleben. Asien ist mit Hou Hsiao-Hsien (Taiwan), Jia Zhangke (China) und Hirokazu Koreeda (Japan) vertreten. Gewohnt stark ist das Aufgebot aus dem Heimatland Frankreich. Neben den Filmen der drei Regisseurinnen laufen „Deephan“ von Jacques Audiard und „La loi du marché“ von Stéphane Brizé.

Erstaunlich viele bekannte Namen finden sich dieses Jahr auch außerhalb des Wettbewerbs. Allein damit ließe sich andernorts ein renommiertes Festival bestücken. Woody Allen stellt sein neues Drama „Irrational Man“ vor, Gaspar Noés kalkulierter Skandalfilm „Love“ läuft im Mitternachtsprogramm. Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul, Palmensieger 2010 für „Uncle Boonmee“, zeigt „Cemetery of Splendour“ in der Sektion Un Certain Regard, ebenso wie der Locarno-Sieger 2014 Brillante Mendoza „Taklub“. Und George Millers Neuauflage von „Mad Max“ feiert an der Croisette parallel zum weltweiten Kinostart Premiere.

Die alte Klage über das ignorierte deutsche Kino war auch dieses Jahr zu hören. Kein deutscher Beitrag im Wettbewerb, noch nicht mal ein Langfilm in den Nebensektionen. Einzig zwei Kurzfilme haben es geschafft: Von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin kommt „Abwesend“ der bulgarischen Studentin Eliza Petkova, und Patrick Vollrath, deutscher Exilstudent an der Wiener Filmhochschule unter Michael Haneke, stellt „Alles wird gut“ vor, für den er im Januar schon beim Max Ophüls Preis in Saarbrücken ausgezeichnet wurde. Und der Berliner Schauspieler Max Riemelt ist in Barbet Schroeders „Amnesia“ neben Bruno Ganz und Marthe Keller zu sehen.

Ob sich die Jury von der Frauenoffensive des Festivals beeindrucken lässt, wird man nach der Preisverleihung am übernächsten Sonntag wissen. Als Vorstand hat man sich dazu nicht einen Mann auserkoren, sondern gleich zwei. Die Filmemacherbrüder Ethan und Joel Coen entscheiden als Jurypräsidenten am Ende, wer mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wird. Einer ihrer besten Filme heißt, vielleicht ein Omen, „No Country for Old Men“.