Konzert

Zwischen Clownerie und Ernsthaftigkeit

Chilly Gonzales ist ein Alleskönner. Und das zeigt er mitreißend in der Philharmonie

Die Berliner Philharmonie, dieses goldene Schiff, das dem Potsdamer Platz noch immer uneinholbar davonsegelt, ist gefüllt mit buntem, quasselndem Volk. Strohhüte, rote Astronautenjacken, pink gefärbtes Haar. Heute nicht Simon Rattle, nein: Chilly Gonzales ist im Haus.

Der kanadische Alleskönner kommt auf die Bühne geschlurft in einem – äh – braunen Morgenmantel? Oder ist es doch eher ein kaiserliches Gewand? Noch bevor er den ersten Ton spielt, geht das Spiel mit Ironie und Showmanship schon los, das sein ganzes Werk durchzieht. Von nicht jugendfreiem Rap inklusive Ich-bin-der-Größte-Geste über knallenden Funk bis zu impressionistischen Soloklavieralben hat der Mann schon alles abgeliefert. Immer wenn man denkt, man wisse, wer er ist und was er macht und wie er’s meint, macht er etwas anderes. Oder am besten: alles zugleich.

Wie er am Flügel sitzt, neben ihm das Kaiser Quartett aus Hamburg mitsamt Schlagzeuger Joe Flory (trägt rote Schuhe zum Frack), sieht er aus wie eine Mischung aus Maurizio Pollini und Helge Schneider – die Parodie eines klassischen Konzertpianisten, die aber erstaunlich unironische Stücke spielt. Erst Jazzetüden, wie sie sich Chopin und George Gershwin zusammen ausgedacht haben könnten. Dann strenge, schlichte Miniaturen à la Steve Reich. Und dann setzt das Quartett ein und es gibt Drei-Minuten-Symphonien, kunstvoll über ein paar schlichte Motive variiert. Dann wieder ein Lied, wie es von Schumann stammen könnte, hart gegengeschnitten mit Eruptionen, Rachmaninow-Style.

Aber Moment – mit Referenzen kommt man dem Ganzen nicht bei. Gonzales kennt seine Musikgeschichte auswendig, klar. Er gibt sogar eine kleine Demonstration, lässt das Kaiser Quartett Stücke anspielen, die vom Publikum erraten werden sollen, nur um sie bewusst falsch aufzulösen: „Eleanor Rigby“ stammt nicht von den Rolling Stones, nein. Gelächter im Saal. Gonzales erzählt auch, warum er Brahms mag und Wagner nicht – weil Brahms einfach ein „nice guy“ war, man solle sich doch nichts vormachen, immer hübsch Mensch und Werk zu trennen. Wagner hingegen, well – Gonzales wohnt in Köln an der Richard-Wagner-Straße, und jeden Morgen müsse er erst mal einen Schluck Kaffee aus dem Fenster spucken auf diesen Namen. Wieder Gelächter, allerdings etwas zögerlicher.

Bei aller gebildeten Clownerie ist Chilly Gonzales eben auch ein ernsthafter Komponist. Und nicht immer ist klar, wer von den beiden sich hinter dem anderen versteckt. Muss es auch nicht. Am stärksten ist Gonzales ohnehin, wenn beide miteinander ringen. Oder tanzen. Wenn sich der Meister gekünstelt die Haare nach hinten kämmt, den Flügel mit der flachen Hand schlägt, als sei er unartig gewesen, und sein ganzer Körper stampft im Takt mächtiger Synkopen. Nur um im nächsten Moment ein lyrisches Stück anzustimmen, das aus einem Tourismusclip für Kanada stammen könnte. Kamerafahrt über endlose Wälder im Herbst. Doch bevor alles in Wohlklang erstickt, gibt’s einen fetten Beat, Hip-Hop im 6/8 Takt, und ab in die Pop-Hits des Herrn Gonzales, arrangiert als Kammermusik.

Er spielt Sechzehntel mit dem Zeigefinger im ganz hohen Register. Spielt einen Balkan-Schwoof mit Flügelhorn. Und durchgeknallten Western-Honky-Tonk. Ach, Chilly Gonzales ist einfach der Frank Zappa unserer Tage: zu viele Ideen für nur einen Kopf. Zu klug für Ernst oder Ironie.

Den Applaus nimmt er entgegen, schelmisch grinsend wie ein Junge, dem ein Streich gelungen ist. Man hatte ganz vergessen, wie gut die Akustik in der Philharmonie ist. Wie laut man da klatschen kann.