Literatur

Größenwahn am Kunstmarkt

Siri Hustvedts neuer Roman fragt, was für den Wert eines Werkes entscheidend ist

Wie werde ich ein großer (bildender) Künstler? Wie komme ich mit meinem Werk in die wichtigen Galerien? Wie kann ich die einflussreichen Kritiker beeindrucken? Kurzum: Wie kann ich meine Kunst erfolgreich auf dem heiß laufenden Kunstmarkt platzieren und meine eigenen Größenfantasien Wirklichkeit werden lassen?

Ohne eine ausgefuchste Strategie, ein klar definiertes Alleinstellungsmerkmal geht da gar nichts, Jeff Koons oder Damien Hirst und mit ihnen viele andere haben es vorgemacht. Und Harriet Burden, die Protagonistin von Siri Hustvedts neuem Roman „Die gleißende Welt“ (Rowohlt, 491 Seiten, 22,95 Euro), mag sich einiges von ihnen abgeschaut haben für ihren Aufstieg von der No-Name-Künstlerin zum gefeierten Star der New Yorker Kunstszene. Die frustrierte Mittfünfzigerin, die jahrzehntelang an der Seite ihres verstorbenen Kunsthändler-Gatten Felix im inneren Kreis des Kunstbetriebs gelebt und darunter gelitten hat, dass ihre Kunst weder vom eigenen Mann noch von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, beginnt ein großes hintersinniges Spiel. Man könnte auch sagen: einen Guerillakrieg voller Winkelzüge, Täuschungen und Wandlungen.

Gescheitert, weil sie eine Frau ist

Harriet Burden geht dabei von der These aus, dass Geschlecht, Rasse, sexuelle Orientierung oder andere biografische Details aus dem Leben eines Künstlers für die Einschätzung des (materiellen wie ideellen) Werts seiner Werke absolut entscheidend sind. Ihre Schlussfolgerung: Sie ist gescheitert, weil sie eine Frau ist. Ihr Lösungsansatz: Sie wird ihre Werke mit gekauften männlichen Strohmännern auf den Markt bringen.

Die Gesetze des Kunstbetriebs ad absurdum zu führen, ist nicht unbedingt eine neue Idee. Nicht selten wird dabei mit den Mitteln der Ironie, der Parodie, der Satire gearbeitet. Nichts davon jedoch bei Siri Hustvedt, die die verbissene und mit hohem gedanklichem Einsatz geführte Aktion Harriet Burdens ganz ernsthaft schildert.

Kein Zweifel, dass sich Siri Hustvedt im aktuellen Kunstbetrieb New Yorks bestens auskennt. Sie zeichnet scharfe Porträts der Akteure, sie schildert die Performances und Installationen genau, beschreibt anschaulich die verdrehten und gestauchten Puppen, die „Metamorphen“, die Harriet herstellt und die sogar beheizt werden können.

Es gelingen ihr wunderbare Nebenfiguren wie „das Barometer“, ein Mann, der schizoid ist und von Wetterumschwüngen in den Wahnsinn getrieben wird. Oder die Autorin erzählt von der recht arglosen Sweet Autumn Pinkney, die sich liebevoll um Karma und Chakren der sterbenden Harriet kümmert. Beide Figuren stehen mit ihrer Existenz gegen Anmaßung und narzisstische Kälte moderner Kunst, wie sie einem in diesem Buch vielfach gespiegelt entgegentreten.

Doch Siri Hustvedt will nicht nur erzählen, ihr Ehrgeiz geht um einiges weiter. Ihrem Buch ist auch ein komplexer philosophischer Essay eingeschrieben über Rezeptionsästhetik, über die Ambiguität menschlicher Existenz und Rollenspiele, über Geschlechterdifferenz, über Sadismus und Masochismus. In ausführlichen Fußnoten geht es von Freud zur Neurobiologie, über Computertheorien des Geistes zur „Natural Philosophy of Margaret Cavendish“ (eine Autorin des 17. Jahrhunderts, die einen utopischen Roman mit dem Titel „Die gleißende Welt“ geschrieben hat).

Unter diesem geballten Bildungs- und Bedeutungsanspruch ächzt das Buch gelegentlich ziemlich heftig, und es gilt, was Freund Bruno über Harriets Arbeit sagt: „Ihr Spiel war verkopft, ein philosophisches Märchen.“ Aber genau das macht dann auch den Reiz von Siri Hustvedts Roman aus, der trotz all seiner Anspannungen und Anstrengungen ein seltsames und reizvolles Leseabenteuer ist.