Konzert

Mythisch, episch, halluzinatorisch

Nick Cave im Friedrichstadt-Palast: Die Musik! Die Lyrics! Die Anzüge! Was für ein Ereignis

Nick Cave hat schon wieder sein bestes Berlin-Konzert aller Zeiten gespielt. Das macht er jedes Mal. Egal, ob die jeweils aktuelle Platte brillant ist oder nur okay, oder ob es – wie in diesem Fall – gar keine gibt. Nick Cave ist live ein Ereignis, das sich nicht allein durch seine Musik, seine Lyrics oder die schicken Anzüge, die er trägt, erklären lässt. Höchstens durch all das zusammen, und wie es eine Synthese bildet. Oder nennen wir es: Charisma.

Bleich und schwarzhaarig wie ein Dandy-Vampir kommt Cave auf die Bühne geschlendert. Die meiste Zeit sitzt er am Flügel, schaut auf Notenblätter, spielt mittlerweile – Cave ist 57 Jahre alt – unverschämt abgehangene Songs, wie der Leiter eines Kammermusik-Ensembles.

Aber Nick Cave war auch immer ein Storyteller: „Higgs Boson Blues“ rumpelt durch eine raue, mythische Gegend irgendwo zwischen Genf und Memphis. Es geht darum, wie Robert Johnson dem Teufel seine Seele verkauft, um den Blues spielen zu können wie kein anderer. Es geht um Miley Cyrus, die in einem Swimmingpool treibt – vermutlich das Gesicht nach unten –, und um einen Mann, der etwas predigt in einer völlig neuen Sprache. Episch ist das, halluzinatorisch, als säßen William Faulkner und Sid Vicious zusammen nachts auf einer Veranda und sängen das Alte Testament. Es folgt eine Mischung aus neuen Songs und Klassikern, vom ersten Album an: „From her to Eternity“, voll spastischer Energie, als hätte es keine 30 Jahre auf dem Buckel, oder „The Mercy Seat“, in Kreuzberg geschrieben, in einer Klavier-Version, in der alles Rasen über den haltlosen Irrsinn der Welt in Trauer aufgelöst wird. Immer wieder springt Cave vom Flügel auf, reißt den Mikroständer um, rudert mit seinen langen Armen, als zöge jemand eine Nick-Marionette an unsichtbaren Fäden über die Bühne.

Er steht an der Rampe, tief über die erste Reihe gebeugt, und hält Hände. Dann läuft er ins Publikum. Ein Mann mit Glatze steht auf und umarmt ihn. Cave singt weiter, flüstert, beschwört: „Can you feel my heart beat?“ Da zückt aus nächster Nähe jemand eine Kamera. Cave faucht, in plötzlich verändertem Tonfall: „Don’t take a fucking photo of me!“ Und sitzt schon wieder am Klavier. Nächstes Notenblatt, nächstes Stück.