Erzählungen

Beziehungsdelikte auf Italienisch: Wenn Liebe monströs wird

Geraubte Liebe? Aus einem Land, das in Sachen Leibeskultur und Liebe seit 2000 Jahren auf Raub baut, nehmen wir das natürlich gerne: Vom Raub der Sabinerinnen bis zu Berlusconis Bunga-Bunga-Dame mit dem Künstlernamen Ruby Rubacuori – ohne dramatisch entrissene Gefühle geht offenbar wenig im Land der Latin Lover und Monica Belluccis. Um mythische oder auch nur banale Eifersucht ist es Dacia Maraini, der sanften Oberfeministin der italienischen Literatur, nicht gegangen. In ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Erzählband „Geraubte Liebe“ geht es acht Mal um ziemlich reale Eifersucht, ziemlich realen Kindesmissbrauch, ziemlich krankhafte Eifersucht, ziemlich krasse Vergewaltigung. Die Konstellationen für die Liebe sind grundverschieden, nur die Opfer sind verlässlich weiblich, was der Erzählsammlung eine unangenehme Determiniertheit verleiht. Aktenzeichen XY, Abteilung Sexualdelikte mit Frauenopfern. Hat man erst einmal akzeptiert, nur kriminalistische Fallgeschichten zu lesen zu bekommen (denen tatsächlich Meldungen aus den Schubladen des Polizeiberichts zugrunde liegen), dann stört auch der notorisch düstere Ausgang nicht.

Mit wem haben wir es zu tun? Da ist die Journalistin, die bei einem netten Polizisten ins Auto steigt, der leider nicht nett bleibt. Da ist die Schulhofgang, die ungestraft vergewaltigt. Da ist das Ehepaar, das lange kinderlos bleibt, bis doch eine Prinzessin zur Welt kommt, die dann eines Tages spurlos im Garten verschwindet – Natascha Kampusch lässt grüßen. Auch in der Erzählung „Die heimliche Braut“ gehen die Pädophilie des Stiefvaters und das von ihm eingerichtete Kinderzimmer an eine ungute Allianz ein.

Ob in ihren historischen Bestsellern oder im Thriller – seit ihrem literarischen Debüt 1962 wird Dacia Maraini nicht müde, sich als eine der wichtigsten Fürsprecherinnen für Frauenrechte zu Wort zu melden. Anders als eine Alice Schwarzer tut sie das nie mit ideologischen, sondern mit literarischen Mitteln. Mit einer Haltung, die eher an Pier Paolo Pasolini erinnert, weil sie der bürgerlichen Gesellschaft ihre eigene Gewalt-Fratze vorhält. Gewalt gegen Frauen wird heute bevorzugt in den religiösen Extremismen von Boko Haram & Co gesehen. Marainis Verdienst ist es, denen eine literarische Stimme und Würde zu geben, die sonst nur im Polizeibericht des Boulevards vorkommen.

Dacia Maraini: Geraubte Liebe. Aus dem Italienischen von Gudrun Jäger. Edition Fünf, 192 S., 19,90 Euro