Literatur

Eigenwillige Heldinnen

Ist Jane Austen seichtes Vergnügen? Einige Überlegungen zu der Neu-Übersetzung ihrer Werke

„Es ist eine universell anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der über ein großes Vermögen verfügt, sich nichts sehnlicher wünscht als eine Ehefrau.“ Mit diesem großen, wenn auch von mir sehr frei übersetzten Satz beginnt Jane Austen ihren berühmtesten Roman, „Stolz und Vorurteil“. Er fehlt bei keiner Sammlung erster Sätze großer Literatur. Liebhaber der Autorin können ihn auswendig. In ihm steckt alles, was Jane Austens Kunst ausmacht. Ihre Leichtigkeit, ihre Ironie, und natürlich ihr Thema: die Gesellschaft und ihre absurden Ansprüche an das Individuum.

Der Mann, über dessen Wünsche in diesem ersten Satz verfügt wird, ist Mr. Bingley. Ein junger Erbe, der ein großzügiges Haus in einer überschaubaren Nachbarschaft im Süden Englands pachtet (eine Gegend, in der fast alle von Austens Romanen spielen), und den daraufhin die Mütter aus ebendieser Gegend als rechtmäßigen Besitz ihrer heiratsfähigen Töchter betrachten. Die Geschichte beginnt mit der Jagd auf ebenjenen Mr. Bingley, die sich Mrs. Bennet, die Mutter von gleich fünf Töchtern, vornimmt. Und sie endet, so viel darf verraten werden, mit der Heirat der ältesten Miss Bennet, Jane, mit ebenjenem Junggesellen. Dazwischen gibt es natürlich Verwirrungen, Missverständnisse und Hindernisse.

Jane Austens Metier, auch das ist eine universell anerkannte Wahrheit, ist die Liebe. Zarte junge Frauen erkranken durch Unwetter, wer mit wem wie oft auf welchem Ball tanzte, wird in endlosen Wiederholungen abendelang besprochen. Ansonsten wird die Handlung von Konversation vorangetrieben. Dabei geht es vornehmlich um Idealvorstellungen von gutem Benehmen in der Theorie und den Abweichungen davon in der Praxis. Ein orientalischer Turban, den eine Frau als Kopfschmuck im Theater trägt, so wie es in der „Abtei von Northanger“ geschieht, bedeutet in dieser Welt einen Skandal. Das wirkt auf uns heute vielleicht lächerlich. Der zeitgenössische Leser aber verstand die modische Rebellion ganz anders. Ein Riss im Unterkleid, mit dem eine jüngere Bennet-Tochter prahlt, ist nichts anderes als ihre Mitteilung an die großen Schwestern, dass sie Sex hatte.

Frauenherz im Ausnahmezustand

Ist Jane Austen also wirklich nur ein seichtes Vergnügen? Lenkt sie ihre Leser mit harmlosen Liebeleien davon ab, was im Universum außerhalb ihres mittleren Landadels so passiert? Das ist zumindest der Verdacht, unter dem Austens Romane vor allem in Deutschland stehen. Als „Stolz und Vorurteil“ 1813 anonym erscheint, hatten Napoleons Truppen Europa umgekrempelt und waren gerade gescheitert. Jetzt ordneten die Befreiungskriege den Kontinent neu. Zwischen Longbourn und Meryton aber versetzte das englische Regiment höchstens ein paar Frauenherzen in den Ausnahmezustand. Und selbst das nicht nachhaltig.

Wer aber denkt, Jane Austen sei trivial, hat sie nicht verstanden oder nicht gelesen. Glücklicherweise hat sich der Fischer-Verlag jetzt dieses deutschen Rückstands im Bezug auf die Autorin angenommen. In einer Neuübersetzung nehmen sich Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié vor, „Stolz und Vorurteil“ auf dem deutschen Markt eine neue Chance zu verschaffen. Die gerade erschienene Ausgabe ist bereits Teil Zwei einer Reihe. Angekündigt werden noch „Mansfield Park“, „Emma“, „Die Abtei von Northanger“ und „Überredung“. 2012 erschien die neue Übersetzung des Romans „Gefühl und Vernunft“.

Es lohnt sich, Austen neu zu lesen. Immer wieder. Je häufiger man die Romane liest, desto mehr entdeckt man, was sich unter der Oberfläche ihrer so fein gesponnenen Liebesgeschichten verbirgt. Es sind nämlich nicht diejenigen Frauen, die all die Regeln aus den zu Austens Zeit für junge Damen so dringend empfohlenen Benimmbüchern befolgen, die am Ende den Helden abkriegen. Jane Austens Heldinnen sind eigenwillig, der Leser bekommt sie nicht in einer Idealform präsentiert, sondern begleitet sie dabei, wie sie erwachsen werden, wie sie zu sich selbst finden, unabhängig werden.

Der Kern ihrer Romane beschäftigt sich gar nicht so sehr mit dem Gefühl als Grundlage einer Beziehung, sondern vielmehr mit den materiellen Umständen. Wie viel eigenes Geld oder eigenen Besitz braucht eine Frau? Wie viel Freiheit steht ihr zu? Die Gesellschaft, die Austen zeichnet, ist unserer nicht unähnlich. Man kann das nicht zuletzt an dem gigantischen Erfolg ablesen, den der Film „Bridget Jones –Schokolade zum Frühstück“ hatte. Die Autorin spielt mit zentralen Motiven von „Stolz und Vorurteil“, was so weit geht, dass der Held, Mr. Darcy, sowohl bei „Bridget Jones“ wie auch in der berühmten BBC-Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“ von Colin Firth gespielt wird. Ein Held, der etwas schräg ist. Ein Mann, über den seine Frau lachen kann. Ein moderner Mann.

Leider versäumt es die Neuübersetzung, genau diese Aktualität zu zeigen. Das beginnt bereits mit dem Cover: Es zeigt eine Dame in affektierter Haltung in einem Rokoko-Kostüm. Dabei war diese überdekorierte Epoche gerade zu Ende, als Jane Austen 1775 geboren wurde. Der Klassizismus mit seinen klaren Formen begann. Das Cover aber erweist sich als passend, wenn man die ersten Seiten des Romans liest. Allié und Kempfer-Allié haben sich für eine sehr wortgetreue Übersetzung entschieden. Das führt dazu, dass die herrliche Ironie Austens fast vollständig von umständlichen deutschen Satzkonstruktionen verschluckt wird.

Der Redefluss ihrer Figuren, der so schön vor sich hinplätschert im Englischen, wird in deutschen Nebensätzen gebremst. Wie sehr die Sprache so ihre Betonungen verliert, muss den Übersetzern selbst oder immerhin dem Lektorat aufgefallen sein. Und so präsentiert der Text allerhand kursive Hervorhebungen, die das Lesen noch umständlicher machen.

Ein Ideal aus Jane Austens Romanen, das wir in Elizabeth Bennet, der Heldin von „Stolz und Vorurteil“, so schön beobachten können, ist die Freiheit, das eigene Leben führen zu können, ohne gleich allen anderen ihres zu verderben. In der Zeit nach der Französischen Revolution propagiert sie ihre private Revolution, die jedoch unblutig verlaufen sollte. Diese moderate Freiheit hätte auch der Übersetzung gutgetan. So können wir es nur halten wie Elizabeth am Ende des Romans. Nicht über das ärgern, was wir nicht ändern können, sondern fröhlich darüber lachen.

Jane Austen: Stolz und Vorurteil. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Fischer, 464 S., 19,99 Euro