Literatur

Zweiter Anlauf einer Highschool-Liebe

„After Truth“, der zweite Teil von Anna Todds Tetralogie, ist unlesbar und langweilig

Man lernt ja nie aus, schon gar nicht in der Liebe. In der Literatur aber auch nicht. Als NA-Genre bezeichnet man neuerdings Romane wie Anna Todds „After“-Serie und meint New Adult: Alltagsgeschichten, deren Protagonisten zwischen 18 und 25 sind, quasi die Fortsetzung der Coming-of-Age-Story, danach kommt dann die Midlife-Crisis. Tessa, Anna Todds Hauptfigur, ist Erstsemesterin und erfüllt damit die Anforderungen in optimaler Weise. Ihr studentisches Liebesleben liefert den Stoff, von dessen Form man jedenfalls Anfang 20 glaubt, dass sie für alle Zeiten festgemauert sei.

Tessa, die, kein Witz, den Nachnamen Young trägt, lernt am ersten Tag im College Hardin Scott kennen, ein Mustermannsbild des Typs tätowierte Schale, weicher Kern. Was zunächst Ecken und Kanten sind, werden bald Lesezeichen, denn der schroffe Frauen- und Maulheld besitzt unwahrscheinlicherweise eine Bibliothek. Der Eingeborene kann lesen. Und liest auch noch Frauenromane, vor allem Jane Austen und die Brontë-Schwestern. Tessa ist erst verwirrt, dann betört. Außerdem ist sie noch Jungfrau – wie sie beim Wahrheit-oder-Pflicht-Spielen auf der Party im Studentenheim peinlicherweise zugeben muss. Alkohol spielt auch noch eine unheilvolle Rolle.

Tessa lässt alle guten Vorsätze und Ratschläge der Mama fahren, schießt ihren braven Highschool-Freund auf den Mond und beginnt eine zunächst undefinierte Beziehung zu Hardin, die sich über verschiedene tastende Stadien der Annäherung bis zu einer nicht nur, aber immerhin auch seelisch-geistigen Form der Vereinigung führt. Warum sollten wir den Leser auf die Folter spannen: Es kommt zum Sex.

„‚Soll ich … fuck … soll ich aufhören?‘ Er stottert. Ich höre, wie Lust und Besorgnis in ihm ringen.“ Das muss ein schönes Geräusch sein, wenn es auch nicht genau das ist, was der Leser von sich gibt. In ihm ringen eher Frust und Ungläubigkeit. Ungläubigkeit darüber, dass junge Menschen heute nach vollzogenem Liebesakt eine Diskussion über „Jane Eyre“ führen. Die junge Generation wird notorisch unterschätzt.

Der erste Band der Tetralogie, „After passion“, endet brutal: Tessa kommt dahinter, dass Hardin mit seinen Freunden gewettet hat, sie entjungfern zu können. Im soeben erschienenen zweiten Band „After truth“ erfahren wir dann, dass Hardin sich während seiner ekelhaften Wette wirklich ernsthaft in Tessa verliebt hat, und da jetzt auch Kapitel aus seiner Sicht erzählt werden, hat Hardin auch beim Leser keinerlei Glaubwürdigkeitsproblem. Die beiden versuchen es also wieder miteinander und das reicht ja erst einmal für ein paar Hundert Seiten, zumal allerlei Probleme auftauchen, die junge Paare eben so haben.

Natürlich ist das alles unlesbarer, todlangweiliger Quark, eine Art „Shades of Grey“ ohne SM und auch fast ohne Sex (die Vermarktung als „erotischer Roman“ ist einfach ein Werbetrick). Als Leser sind allenfalls junge Leute vorstellbar, die, komplett ausgelaugt von den Orgien im Internet, eine Alternative zum Zenbuddhismus suchen. Jane-Austen-Fans werden das jedenfalls nicht sein. Aus dem Klappentext ist zu erfahren, dass Anna Todd einen Monat nach dem Abschluss der Highschool geheiratet hat. Inzwischen ist sie Mitte 20, hat also das NA-Zielgruppenalter gerade verlassen. Für die anstehende After-Youth-Phase empfehlen wir dringend andere Vorbilder: Mädel, lies doch mal Sibylle Berg.

Anna Todd: After Truth. Heyne, 768 S., 12,99 Euro