Bühne

Klagechor gegen das Verdrängen

Zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens bringt Nicolas Stemann Flüchtlinge auf die Bühne

Neongrell leuchtet eine fünfstellige Zahl, deren Digitalziffern im Laufe des Abends ansteigen werden. Eine geschätzte Zahl derer, die aus ihrer Heimat fliehen wollten, aber an den Außengrenzen des Schengenraums gestorben sind. Darunter stehen die, die es geschafft haben. Die in Europa angekommen sind. Und doch nicht angekommen sind. Weil ihr Leben ein Warteraum ist. Weil sie bangen müssen, ob sie bleiben dürfen.

Wir kennen die Flüchtlinge aus den Nachrichten und den Zeitungen. Wir sind schockiert über die tragischen Ereignisse im Mittelmeer. Aber wir nehmen die Betroffenen nie als Individuen wahr, nur als Masse. Wir nehmen ihnen damit das Einzige, was sie noch haben. Ihre Identität. Darum geht es in Elfriede Jelineks wütendem Stück „Die Schutzbefohlenen“. Sie gibt den Flüchtlingen einen Raum, das Theater, gibt ihnen eine Stimme. Nicolas Stemann gibt ihnen in seiner Inszenierung aus dem Thalia Theater in Hamburg sogar noch mehr. Einen Körper. Weil er neben Schauspieler echte Flüchtlinge – oder Geflüchtete, wie sie hier genannt werden – stellt.

Es ist am Freitagabend das erste Mal, dass ein Berliner Theatertreffen mit einem Stück eröffnet wird, in dem die zentralen Rollen nicht von Schauspielern gespielt werden. Manchmal stehen sie nur da. Und schauen uns an. Dann wieder erzählen sie ihr Leid. Von den Traumata, die sie zu Hause erfahren haben. Und davon, dass niemand ihre Geschichte hören will. Elfriede Jelinek hat sich dabei eines ganz alten Kunstgriffs bedient. Dem klassischen Chor. Ganz bewusst hat sie sich dabei an Aischylos’ antike Tragödie „Die Schutzflehenden“ angelehnt. Hat dabei aber ganz aktuelle Ereignisse verarbeitet, die Besetzung der Wiener Votivkirche durch pakistanische Flüchtlinge im Winter 2012/2013 und die Ertrunkenen vor Lampedusa im Oktober 2013. Und machte daraus einen großen Klagechor. Als Anklage gegen das Verdrängen und Versagen der westlichen Welt.

Ein stetes Work in Progress

Stemann, ein Jelinek-Experte, hat dieses Stück vor einem Jahr in Mannheim beim „Theater der Welt“-Festival uraufgeführt.Aber das Dilemma des Stücks, hier die hochartifizielle Sprache der Autorin, da die gebrochene Sprache der Flüchtlinge, hat er gar nicht erst überspielen wollen. Er bringt es einfach auf die Bühne. Indem er dabei eben nicht nur mit Schauspielern arbeitet. Er hat das Stück dann auch in Amsterdam und später in Hamburg inszeniert. Hat aber – zum einen aus rechtlichen Gründen, weil die Flüchtlinge „Residenzpflicht“ haben und nicht reisen dürfen, zum anderen auch, um es an die jeweiligen Orte anzupassen – immer mit Flüchtlingen vor Ort besetzt. Ein stetes Work in Progress.

So geht es nicht nur um die Votivkirche in Wien, sondern auch um die Kirche St. Pauli in Hamburg, wo afrikanische Flüchtlinge aus Lampedusa unterkamen. Für die hat man nun eine Lösung gefunden, dass sie auch zum Theatertreffen nach Berlin kommen durften. Aber Stemann hat es sich nicht nehmen lassen, auch für die Aufführung beim Theatertreffen Betroffene aus Berlin zu integrieren. Wie den Ugander Bino, der im Oktober 2012 unter denen war, die den Oranienplatz besetzt haben. Oder die Sudanesin Napuli, die dadurch berühmt wurde, dass sie dort fünf Tage lang in einem Baum verharrt hat. Diese Passagen wurden noch ganz kurz vor der Aufführung eingespielt. Für die englische Übersetzung, die sonst an den Bühnenrand projiziert wird, hat es da nicht mehr gereicht.

Es ist ein Abend der vielen Brechungen und des Rollentauschs. Noch bevor es richtig losgeht und das Publikum sitzt, werden auf der Bühne schon die Flüchtlinge interviewt. Damit wird gleich klar, worum es gehen wird: um die Bilder, die wir uns von ihnen machen. Wenn das Licht erlischt, gehen sie dann erst mal nach hinten ab. Der Raum wird zunächst zwei, drei, am Ende sechs Schauspielern überlassen, die deren Rollen spielen. Aber auch hin und wieder die Position von jenen einnehmen, die ihnen mit offenem Rassismus begegnen. Später kommen die Flüchtlinge wieder selbst auf die Bühne, sprechen nun für sich selbst. Und lassen den Jelinek-Text Text sein.

Nicolas Stemann ist in 14 Jahren jetzt bereits zum siebten Mal aufs Theatertreffen eingeladen worden und zum vierten Mal mit einem Jelinek-Stück, nach „Das Werk“ 2004, „Ulrike Maria Stuart“ 2007 und „Die Kontrakte des Kaufmanns“ 2010. Bei den „Schutzbefohlenen“ dreht er das Stück noch einmal ein paar Windungen weiter. Er setzt ganz plakative Akzente. Wenn er seine Geflüchteten an Missverständnissen und Verständigungsproblemen scheitern lässt. Wenn er eine ganze Mauer aus Stacheldraht auffährt, hinter die die Flüchtlinge zurückgedrängt werden. Konsequent verdoppelt er aber sein Spiel. Denn nicht nur die Schauspieler spielen hier Rollen. „Wir können euch nicht helfen“, rufen sie am Ende hilflos, „wir müssen euch doch spielen.“ Aber auch die Laien spielen ja eine Rolle. Eine, die man ihnen aufzwängt: die des Flüchtlings eben.

Tischgespräche für das Publikum

Ein harter, ein fordernder, zuweilen auch überfordernder Abend. Aber doch ein starker Auftakt zu einem Theatertreffen, das sich in den nächsten zweieinhalb Wochen politisch wie lange nicht zeigt. So geht man bei den „Schutzbefohlenen“ nach dem Schlussapplaus auch nicht einfach zum üblichen Eröffnungsempfang mit gepflegten Getränken über. Wie immer nach seinen Aufführungen ruft Nicolas Stemann zu Tischgesprächen auf mit seinen Laiendarstellern und Experten aus Flüchtlingsorganisationen. Allerdings bleibt nur ein Bruchteil des Publikums im Saal, um daran teilzunehmen. Und auch da zeigt sich der größte Andrang nicht an einem der Tische mit Flüchtlingen, sondern dem, an dem der Regisseur sein Stück erklärt.