Interview

„Die Neiddebatte finde ich nicht gut“

Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier über Frank Castorf, seinen Nachfolger Chris Dercon und Claus Peymann

Vor gut einer Woche wurde Chris Dercon als Intendant der Volksbühne ab 2017 benannt. Dass der belgische Kurator die Berliner Theaterlandschaft verändern wird, gilt als ausgemachte Sache – nur in welche Richtung, ist noch spekulativ. Wir haben Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne und der große Konkurrent der Volksbühne, über mögliche Auswirkungen gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Ostermeier, der Leiter der Berliner Festspiele Thomas Oberender hat die Neubesetzung der Volksbühne mit Chris Dercon und der damit verbundenen Veränderungen „als einen relativ aggressiven Vorgang“ bezeichnet. Stimmen Sie ihm da zu?

Thomas Ostermeier:

Es gibt Bühnen, die ein Programm machen wie Oberender mit „Foreign Affairs“, und es gibt Bühnen, die Repertoire- und Ensembletheater machen. Und so wie es Dercon vergangene Woche dargestellt hat, will er nicht unbedingt Künstler auffahren, die in letzterem, also meinem Bereich arbeiten.

Also keine Konkurrenz?

Um das Publikum konkurriert man ja immer. Aber in der Produktion oder auch bei der Suche nach den Künstlern werden wir wohl nicht in einem Wettbewerb zueinander stehen. Ich werde mir aber nicht anmaßen, jetzt schon zu beurteilen, was die Ernennung Dercons für die Berliner Theaterlandschaft bedeuten wird. Wenn er zwei Jahre hier gearbeitet hat, dann kann man sie besser beurteilen, aber auch das steht mir dann nicht zu.

Interessant ist, dass die Volksbühne mutmaßlich mit Tempelhof einen weiteren Spielort bekommen wird und fünf Millionen Euro obendrauf.

Das ist nicht interessant, sondern ein Problem. Ich gönne der Volksbühne wie jeder anderen Institution jeden finanziellen Aufwuchs. Allerdings kann nicht mit unterschiedlichem Maß gemessen werden. Mein Haus operiert seit mehr als einem Jahrzehnt mit einem Eigenwirtschaftsanteil von 25 Prozent und mehr. Unsere strukturelle Unterfinanzierung wird seitens der Senatskulturverwaltung keineswegs geleugnet. Das ist auch kein Wunder, die Volksbühne hat einen Eigenwirtschaftsanteil von 13,5 Prozent. Uns sagen die Politiker jedoch seit Jahren: „Wir kennen Euer Problem, haben aber nicht mehr Geld.“ Die Volksbühne bekommt bereits jetzt fast vier Millionen Euro mehr als wir bei nahezu gleichem Aufwand. Dazu muss man wissen: 90 Prozent unseres Etats gehen in Fixkosten wie Löhne und Mieten etc. Uns bleiben also zwei Millionen Euro übrig, um Teams zu engagieren, Bühnenbilder zu bauen, Musiker und andere Künstler zu engagieren.

Claus Peymann erwartet, dass aus der Volksbühne eine „Eventbude“ wird. Was ist eine Eventbude?

Wenn ich Event höre, denke ich eher an viel Geld, große Namen, viel Glamour. Mit Event verbinde ich eher den Berliner Veranstalter Peter Schwenkow, überhaupt die Musicalmacher. Die Volksbühne soll sich künftig offenbar auf dem internationalen Markt orientieren und versucht, freien Gruppen ein Forum zu geben. Event ist aber ein falsches Etikett dafür. Ich versuche selber, eine bestimmte Form von Theater zu verteidigen. Dass wir international so gefragt sind, hat damit zu tun, dass wir ein Ensembletheater sind. Das hat nichts Konservatives an sich, um diese Tradition werden wir den USA, Frankreich, Großbritannien oder in Asien beneidet. Und überall, wo ich hinkomme und erzähle, dass man in Deutschland immer mal wieder das Ensembletheater infrage stellt, fallen unsere Partner vom Glauben ab.

Aber braucht nicht jedes Haus und Ensemble irgendwann frische Impulse, um weiter bestehen zu können?

Ich würde das nie in der Ausschließlichkeit diskutieren. Natürlich muss sich jedes Haus immer wieder von Neuem erfinden. Und manchmal muss sich Kulturpolitik einmischen und einen Wechsel nahelegen. Ich hatte eine ähnliche Situation an der Baracke, wo sich mit mir eine Theatergruppe am Deutschen Theater neu erfunden hat. Wie sich auch die Schaubühne 1962 als Ensembletheater erfunden und mit Peter Stein 1970 neu erfunden hat. Das sind keine unüblichen Bewegungen. Die Entscheidung Renners war ja nicht falsch: Für die Volksbühne ist es wirklich das Beste, keinen Theatermacher zu installieren. Denn welcher Theatermann hätte der Ära Castorf nachfolgen sollen, ohne dabei Blessuren zu erleiden?

Kulturstaatssekretär Tim Renner lobt gerne Ihr Haus.

Tim Renner ist regelmäßig als Besucher hier. Seine erste Dienstreise als Kulturstaatssekretär hat er mit uns nach Avignon gemacht. Ich habe noch wenige Kulturstaatssekretäre erlebt, die so aufmerksam zuhören und schlaue Fragen stellen. Ich mag die Gespräche mit ihm. Auch Michael Müller war direkt nach seinem Amtsantritt bei uns in der Premiere.

Ihr Kollege Claus Peymann hat Sie bei seiner Generalabrechnung mit dem Berliner Kulturbetrieb als einzigen Theatermann gelten lassen. Muss Sie das nicht nachdenklich stimmen?

Na ja, er sagte, ich sei auf einem guten Weg. Darüber musste ich schmunzeln, ich bin ja immerhin schon 46.

Für Peymann ist Volksbühnenchef Castorf sein Antipode. Jeder braucht etwas, an dem er sich abarbeiten kann. Wer ist denn Ihr Antipode?

Castorf, na klar. Ich bin in der Volksbühne als Theaterzuschauer in den 90er-Jahren sozialisiert. Dort agieren von mir bewunderte Theatermacher. Danach kam an der Baracke und hier an der Schaubühne mit uns eine Gruppe von Leuten, die sich ganz klar in Opposition dazu gesetzt haben. Wir haben uns vom Dekonstruktivismus, der zum Mainstream geworden war, und dem damit einhergehenden Zynismus abgegrenzt. Das ist eine klare ästhetische Opposition mit einer großen Sympathie für die Macher am Rosa-Luxemburg-Platz.

Was wünschen Sie sich von der Kulturpolitik?

Ich finde es insgesamt nicht gut, dass eine Neiddebatte stattfindet, in der die unterschiedlichen Formen, Kultur, Theater oder Kunst zu machen, gegeneinander ausgespielt werden. Von Tim Renner wünsche ich mir, dass er in Sachen Finanzierung die richtigen Signale in Richtung Schaubühne sendet. In gewisser Weise ist die Schaubühne Opfer ihres eigenen Erfolgs. Die Kulturverwaltung sagt: Ihr seid zwar unterfinanziert, aber durch euren Erfolg beim Publikum und im Ausland fangt ihr das ja auf.

Beobachten wir gerade einen Generationskonflikt im Kulturbereich?

Ich hatte vor sechs, sieben Jahren eine Auseinandersetzung mit Botho Strauß, der in der Laudation auf Jutta Lampe sagte, alles, was nach uns kam, war nichts mehr. Natürlich musste sich die 68er-Generation in der historischen Situation von ihren Eltern ästhetisch abkappen, das Problem ist, dass sie dasselbe auch mit ihrer nachfolgenden Generation ab und an versucht. Das ist die eigentlich traurige Wiederholung eines Musters.

Aber die Generation der schreienden Überväter dankt gerade ab?

Ach, das kann man so nicht sagen. Ich schreie auch manchmal. Ich habe eher das Gefühl, einige Regisseure der nachfolgenden Generation sollten endlich einmal Verantwortung übernehmen und Häuser leiten. Berlin ist voller fähiger Theatermacher.

Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zu Claus Peymann?

Mein Verhältnis zu allen Theaterleuten weltweit ist uneingeschränkte Solidarität.