Theater-Kritik

Andreas Döhler rettet einen eher lauen Schiller-Abend

Stephan Kimmigs „Don Carlos“ im Deutschen Theater

Ach, Europa! „Wo bist du denn?“, ruft ein Mädchen im historischen Kleidchen das Staatengebilde an, in das derzeit so viele Einlass begehren, und zeigt auf einen kleinen Mauerdurchbruch, durch den mit Mühe ein Mensch passen würde. Als Videosequenz stellt Regisseur Stephan Kimmig diese Szene im Deutschen Theater seiner Inszenierung von Schillers „Don Carlos“ voran, bevor der König schwer atmend sein Reich abschreitet. Leer und trist sieht es darin aus, wie in einem heruntergekommenen Lagerraum. Europa ist in dieser Spielzeit der Patient, um den sich die Theater besonders kümmern. Nun steht auch zwischen König Philipp, seinem Sohn Don Carlos und dem Freigeist Marquis von Posa eine kleine EU-Flagge. Dieser Zusammenhang wirkt bei Kimmig allerdings sehr behauptet, wie eine Last-Minute-Idee, das Stück durchdringt er damit nicht.

Was durchaus möglich gewesen wäre, denn Freiheit, das ist der Zentralbegriff in Schillers Drama. Verhindert wird diese von König Philipp, der im 16. Jahrhundert quasi Europachef war. In Flandern begehren die Menschen auf. Marquis von Posa, der Streiter für die Entrechteten, will das nicht hinnehmen und fordert beim König die berühmte „Gedankenfreiheit“ ein, er solle Don Carlos, seinen Freund, nach Flandern schicken, auf dass dieser die Konflikte menschenfreundlich beilege. Bei Hofe hat man noch ganz andere Sorgen: Liebe, Rache, Raserei. Don Carlos liebt die Königin (Katrin Wichmann), Prinzessin Eboli (Kathleen Morgeneyer) den Prinzen, König Philipp vergeht vor Eifersucht, Herzog Alba (Henning Vogt) fürchtet um seine Macht. Da Posa sich nun mal als „Abgeordneter der Menschheit“ versteht, kümmert er sich um diese Probleme auch gleich noch mit.

Schillers „Don Carlos“ ist Ideen-, Historien-, Familien- und Liebesdrama in einem. Wer sich an den Stoff macht, tut daher gut daran, ihn zu gewichten. Eben das hat Kimmig versäumt, deshalb ist das zwar ein ordentlich gespielter Abend geworden, aber gemessen an all den kühnen Fragen, die dem Drama innewohnen, gerät er doch recht lau. Wenn er einen mal packt, dann liegt das vor allem an Andreas Döhler. Sein Marquis von Posa ist verstrubbelt, kumpelhaft, brennend. Alexander Khuon bleibt als Carlos eher eindimensional, ein Herzensleidender halt. Auffällig zurückgenommen agiert Ulrich Matthes als König Philipp, ganz trauriger alter Mann, dem man seinen Machtanspruch noch ansieht, aber die Resignation längst erkennt. Das Europa, das das Mädchen am Anfang gesucht hat, ist hier nicht zu finden. Ein Theater voller Ideen leider auch nicht.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel: 28 441 225. Nächste Termine: 14.05., 18 Uhr und 19.05., 19 Uhr.