Klassik-Kritik

Das Orchester feiert den Dirigenten mit Fußgetrappel

Herbert Blomstedt krönt seinen Bruckner-Zyklus mit dem DSO

Wie ist das bloß möglich? Wie kann es sein, dass dieser 87-jährige Dirigent immer noch wie ein Jungbrunnen sprudelt? Frisch und freudig dringt Herbert Blomstedt in Mozarts C-Dur-Sinfonie KV 338. Er kitzelt die Streicher mit sympathisch buschigem Blick, lässt seine Teleskoparme schlenkern, presst seine Pranken zu holzigen Stäben. Zugegeben: Es wirkt nicht gerade elegant, wie der schwedischamerikanische Maestro das Deutsche Symphonie-Orchester führt. Doch der Klang gibt ihm mehr als recht.

Wie eine geistreiche Opernouvertüre kommt der Kopfsatz dieser eher unbekannten Mozart-Sinfonie daher. Schwungvoll und knackig, mit dramatischen Zuspitzungen und effektvollen Gesten. Im Andante entfalten sich zart schmelzende Liebesduette zwischen ersten und zweiten Violinen. Auch das Finale weckt Operngefühle, sprudelt zuweilen vor Übermut. Immer feiner fügt sich das Orchester zusammen. Die Musiker glänzen vor Glück. Sie lächeln ihren Dirigenten in Tönen zu. Das DSO und Blomstedt – das ist eine über 20 Jahre währende Freundschaft, geprägt von spürbarer gegenseitiger Liebe und Verehrung.

Mit Bruckners Siebter soll sich an diesem Abend ein historischer Kreis schließen. Alle Bruckner-Sinfonien, inklusive verschiedener Fassungen, hat sich das Orchester nunmehr unter Blomstedt erarbeitet. Seit ihrem ersten gemeinsamen Konzert anno 1991. Das DSO rutscht auf der Stuhlkante, wirkt hochmotiviert. Es möchte das gemeinsame Bruckner-Projekt krönen, Blomstedt ein weiteres Mal die Zuneigung beweisen. Doch zunächst zeigt es leider Nerven.

Es knirscht vor Anspannung, marschiert im steifen Fortissimo, sticht mit heißem Eisen in die Publikumsohren. Kaum vorstellbar, dass dies Blomstedt so geplant hat. Das DSO braucht den gesamten ersten Satz, um sich von seinem starren Muskeltonus zu befreien. Im folgenden Adagio wirkt das Orchester plötzlich wie schöpferisch ausgewechselt. Bruckner hat mit diesem Satz seinem verehrten Komponistenkollegen Richard Wagner ein musikalisches Denkmal gesetzt. Ein monumentaler Satz, prall gefüllt mit Leben und Tod, Verzweiflung und Hoffnung. Blomstedt bietet gruftige Streicherklänge, präsentiert gefährlich aufragende Akkordklippen. Es ist eine Welt voller Brüche, die der Dirigent auferstehen lässt, zusammengehalten nur durch den Willen des Komponisten.

Das DSO gewinnt an Schönheit und Farbe, füllt Blomstedts meisterliche Architekturen mit leidenschaftlicher Sehnsucht und schmerzlichen Verlangen. Kaum zu glauben, dass sich das Orchester im Scherzo und im Finale noch einmal zu steigern vermag – so wach und aufmerksam gestaltet, so persönlich geatmet und zugleich objektiv konstruiert erlebt man Bruckner selten. Am Ende ist Herbert Blomstedt der Publikumsjubel gewiss. Das DSO zeigt sich ähnlich begeistert: Es feiert seinen Gast mit ausgiebigem Fußgetrappel.