Interview

„Ein bisschen blamabel“

Martin Wuttke über die Volksbühne und sein Ende als „Tatort“-Ermittler

In einem Wiener Café treffen wir den Schauspieler Martin Wuttke, 53, der zum Ensemble des Burgtheaters gehört und gerade Ibsens „John Gabriel Borkman“ probt. Am Berliner Ensemble war Brechts „Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ 1995 eine seiner größten Erfolge. Weniger gut lief am letzten Sonntag sein Abschied vom Leipziger „Tatort“. Im Interview spricht der Theatermann über die Volksbühne und seine eigene Vergangenheit als Intendant.

Berliner Morgenpost:

Wie finden Sie es, dass an der Volksbühne der belgische Kunstkurator Chris Dercon 2017 Nachfolger von Frank Castorf werden soll?

Martin Wuttke:

Da wird ein Theater zerschlagen, das in den letzten 20 Jahren das stilprägende Theater nicht nur Berlins sondern europaweit war. Mein ganzes Bühnenleben lang sind alle Sachen eigentlich durch Begegnungen zwischen Künstlern zustande gekommen. Es war selten nötig, dass ein Kulturmanager mich mit einem anderen Künstler zusammenbringen musste. Deswegen hege ich auch ein Misstrauen gegenüber solchen Funktionen. Aber wenn man in der Volksbühne unbedingt so jemanden installieren will: Warum stellt man Herrn Dercon nicht Castorf zur Seite? Ich könnte mir den gut vorstellen als Angestellten von Herrn Castorf, der das Theater erweitert. Ich habe neulich eine „Durch die Nacht“-Sendung mit Chris Dercon und Matthias Lilienthal gesehen. Da wird einem eigentlich ganz klar, wer da an welcher Strippe zieht und welche Interessen hinter dieser Personalie stecken. Das finde ich ein bisschen blamabel auch für die Berliner Kulturpolitik.

Wer war der größte Regisseur, mit dem Sie je gearbeitet haben?

Das kann ich mit solcher Unbedingtheit nicht sagen. Schleef, Heiner Müller, Castorf, Schlingensief, Pollesch halte ich tatsächlich für die besten. Mir geht es heute noch so, wenn ich mir Aufführungen von Castorf angucke, dass ich denke: „Richtig gut!“ Er ist mit Sicherheit einer besten lebenden Regisseure.

Hat Sie das eigentlich enttäuscht, dass der Leipziger „Tatort“ mit Ihnen ein Misserfolg war und jetzt abgesetzt wurde?

Mich hat die Begegnung mit den Produktionsstrukturen des Fernsehens enttäuscht, vor allem beim MDR. Wie betoniert die sind! Mich hat nicht gewundert, dass Kritiker und Publikum nicht in Jubel ausgebrochen sind. Das war mir eigentlich ziemlich helle – nur komischerweise den Produzenten nicht.

Das klingt nicht, als wären Sie wahnsinnig enttäuscht über das Ende?

Überhaupt nicht. Ich bin eher befreit.

Sie waren nach Heiner Müllers Tod 1995 einige Jahre Intendant des Berliner Ensembles. Die Rolle lag Ihnen aber nicht?

Nein. Kulturpolitisch war das wahnsinnig unangenehm. Als mir das angetragen wurde, war das Theater ganz gut gestellt. Dann gab es gigantische Streichungen. Ich hatte wahnsinnigen Ärger mit dem damaligen Kultursenator Radunski, der keine Zusagen geben wollte oder konnte. Das Theater war total überaltert, strukturell in sehr schlechtem Zustand. Es gab einen Wust an Klagen, die damit zu tun hatten, dass das Berliner Ensemble nach der Wende in ein Privattheater umgewandelt worden war. Ich sah ein, dass da jemand kommen musste, der fähig war, Geld aufzutreiben, um das Theater umzustrukturieren. Und das war Claus Peymann, das muss man ihm einfach lassen. Da waren die Stadtväter bereit, sehr, sehr viel Geld zur Verfügung zu stellen.