Bühne

Die Stimmen der Heimatlosen

Peter Handkes Familiengeschichte „Immer noch Sturm“ im Deutschen Theater

Diese Geisterbeschwörung hat es in sich: In „Immer noch Sturm“ nähert sich Peter Handke in einer dunkel leuchtenden, plastisch knackenden Sprache, die oft fremd erscheint und dann wieder äußerst vertraut, seiner Familiengeschichte. Die Vorfahren seiner Mutter waren slowenische Kärntner, eine unterdrückte Minderheit in Österreich mit eigener Sprache, eigenen Traditionen. Unter den Nazis wurden sie nahezu ausradiert, den Rest besorgten die Anpasser der Nachkriegszeit. Handkes Vater wiederum war deutscher Wehrmachtssoldat, Mitglied der verhassten Herrenmenschen, Handke selbst der ungeliebte „Bankert“. Eine Geschichte, die die Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts spiegelt, verkörpert in ihm, dem Erzähler.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters versucht Regisseur Frank Abt, Handkes eindrückliches Kreisen um die Wunden seiner Familiengeschichte nah ans Publikum zu rücken. Wie schon in seiner „Jochen Schanotta“-Inszenierung sitzt das Publikum auf der Bühne und schaut auf eine kleine runde Insel, die sich langsam vor sich hin dreht. Ihre Kulissenteile spiegeln das Fragmentarische von Handkes Denk- und Erinnerungsgebäude: Küche, Schlafzimmer, Stube sind nur angedeutet. Hier versammeln sich die Herbeigerufenen, Herbeierinnerten in trachtenähnlicher Kleidung. Zwischen ihnen und uns steht Markwart Müller-Elmau als Erzähler und Vermittler dieses hybriden Texts aus Roman und Drama.

Frank Abt gehört zu den großen Sensiblen unter den Regisseuren, zu den leisen, behutsamen Stimmen. Beeindruckend, wie das Ensemble hier aus den Tableaus des Beginns feine Charakterstudien formt, wie die Großeltern sich necken und der Ton zwischen den Geschwistern rau, aber herzlich ist – bis der Krieg beginnt. Wenn die Todesmeldungen eintreffen und Katharina Matz’ Großmutter wie Michael Gerbers Großvater die Eigenheiten ihrer Kinder erinnern, mit flackernden Stimmen zwischen Wärme und Verzweiflung, dann trifft das ins Mark.

Während die Welt in Stücke geht, verliert das Bühnenbild seine Wände. Am Ende sitzen die Schauspieler ganz in Schwarz am hinteren Bühnenrand, sprechen aus einer anderen Welt zum Erzähler – ein gespenstischer Moment auch deshalb, weil das Leid der Familie nach Kriegsende weiterging: Abt fügt an Anfang und Schluss Auszüge aus Handkes Erzählung „Wunschloses Unglück“ über den Selbstmord der Mutter.

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a. Wieder am 3., 8., 26. Mai