Klassik-Kritik

Eine Geigerin, die fasziniert und verstört

Die Kanadierin Lara St. John gastiert im Kammermusiksaal

Lara St. John spielt Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 in einer speziell für sie geschaffenen Bearbeitung. Man schafft es kaum, Auge und Ohr von ihr abzuwenden. Die Kanadierin ist eine Showgeigerin, eine Virtuosin, die ihre Zuhörer mit exzentrischer Schärfe und stählerner Härte anfährt und sie im nächsten Moment mit Schmeicheleien umgarnt. Lara St. John ist Lolita, Femme fatale und Hexengeigerin – sie fasziniert und verstört.

In den USA hat sich Lara St. John auf diese Weise schon vor vielen Jahren Starstatus erarbeitet. In Europa dagegen wollte es bislang nie so recht klappen. Warum eigentlich nicht? Lag es an dem kontrovers diskutierten Cover ihrer ersten CD mit Bach-Solowerken, auf dem sie als splitternackte Nymphe posierte? Ja, wahrscheinlich. Auf jenem Foto, das um die Welt ging, war sie nur von ihrer Geige verdeckt. Doch das half in Europa keineswegs: Bis heute verfolgt Lara St. John der Ruf der Lolita-Geigerin. Dabei ist sie inzwischen in den Vierzigern angekommen, und an diesem Abend betritt sie das Podium mit unverkennbarem Babybauch.

Das Konzert ist Lara St. Johns spätes Debüt bei den Philharmonikern, ermöglicht durch die Harfenistin Marie-Pierre Langlamet. Ein Kammermusikabend mit selten zu hörenden Arrangements für Harfe, Violine und Cello. Gastgeberin Langlamet hat mit Lara St. John und Cellist Ludwig Quandt zwei Partner zur Seite, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Hier die auftrumpfende Ausdrucksextremistin, dort der versonnene Gentleman, der alles kann, aber nicht immer alles zeigen möchte. In Schuberts Arpeggione-Sonate D 821 pflegt Quandt intime Konversation. Er bietet Eleganz und abgeklärte Zielstrebigkeit. Leicht und lieblich fließt sein meisterlich gerundeter Celloton im langsamen Satz dahin.

Dass die Begleitung der Schubert-Sonate ursprünglich für Klavier gedacht war, bedeutet für Langlamet kein Hindernis. Im Gegenteil: Mit staunenden Ohren vernimmt man, wie dicht Harfe und Cello miteinander verschmelzen. Viel dichter, als es Klavier und Cello im Original je könnten. Langlamet und Quandt kennen sich bereits seit über zwanzig Jahren. Ab 1993 spielten sie gemeinsam unter Claudio Abbado, ab 2002 unter Simon Rattle. Ihre musikalische Freundschaft wuchs stetig, zahlreiche Kammermusikprojekte folgten. Überraschend nun, dass Quandt und Langlamet sogar noch über sich hinauswachsen, wenn Lara St. John dazukommt. In drei spätromantischen Triostücken von Max Bruch hört man, wie der Cellist zum lyrischen Operntenor erwacht. Im Gegenzug lässt sich die Geigerin von Quandts seriösem Klangethos umgarnen, wirkt zeitweilig wie gezähmt. Schade nur, dass Marie-Pierre Langlamet lediglich ein einziges Mal solistisch in Erscheinung tritt – mit Schumanns „Vogel als Prophet“.