Klassik-Kritik

Ein Konzert, das wie eine Bewerbung für Rattles Posten klingt

Dieses Werk zwingt geradezu zum Jubel: „Aerial“, das erste Trompetenkonzert von HK Gruber.

Eine Musik wie ein gigantischer Druidenkessel. Ein Werk, in dem ein Großteil des 20. Jahrhunderts schwimmt. Viel Spätromantik, viel Klassische Moderne, eine Prise Alt-Avantgarde, Jazzlounge, Filmmusik, Weltfolklore. HK Gruber streut zusammen, was ihm gefällt. Er stampft klein und verrührt, schmeckt ab, schüttet nach. Der schwedische Trompetenvirtuose Håkan Hardenberger bläst seit der Londoner Uraufführung 1999 den Solopart. Auch an diesem Abend wieder, dicht umringt von den Philharmonikern in Riesenbesetzung. Man erlebt einen vollkommen entfesselten Hardenberger, einen Überschallvirtuosen, der sein Publikum bedingungslos mitreißt.

Schon nach wenigen Takten spielt es keine Rolle mehr, ob HK Grubers „Aerial“ nun ein bedeutendes Werk ist oder nicht – solange Hardenberger so unerhörte Dinge vollbringt, so überwältigend wandlungsfähig und abenteuerlich durch die Philharmonie wirbelt.

HK Gruber hat „Aerial“ für die größten Orchester der Welt komponiert. Aber selbst diese können jene utopisch üppige Besetzung nur dann aufbringen, wenn sie zahlreiche Aushilfen hinzuziehen. Kein Problem für HK Gruber. Der publikumswirksame Neo-Romantiker hat mächtige Dirigentenfreunde auf dem gesamten Globus. Der mächtigste von allen: Simon Rattle.

Geordnete Leidenschaften

Wenn nun ausgerechnet Andris Nelsons, einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die Rattle-Nachfolge, mit HK Gruber am Pult der Philharmoniker steht – soll das ein Zeichen sein? Wenn danach sogar noch Gustav Mahlers Fünfte Sinfonie folgt, eine Sinfonie, die dem scheidenden Chefdirigenten besonders liegt? Das Publikum spitzt die Ohren, es herrscht gespannte Aufbruchsstimmung. Ja, Nelsons’ Programm klingt nach eindeutiger Bewerbung. Es wirkt wie eine doppelte Referenz an den scheidenden Hausherren Rattle und strahlt zugleich selbstbewusst Eigenes aus.

Frisch und spielerisch, schlank und zielstrebig dringt Nelsons in Mahlers kolossale Fünfte. Er nimmt sich Zeit, wenn es darum geht, die Streicher in weicher Schwermut schwelgen zu lassen. Sein Mahler hat Humor und Wärme. Selbst im heftigsten Tumult, bei den perfidesten Hörattacken bleibt Nelsons feierlich und emphatisch. Nelsons verzückt Orchester und Publikum mit ausgefeilter Ganzkörperchoreographie. Er webt und schwebt, tanzt und schwingt. Mal duckt er sich tief in die Partitur, kriecht beinahe zu Boden. Mal explodiert er in ekstatischem Überschwang.

Doch bei allem vermeintlichen Overacting: Nelsons weiß genau, was er macht. Er weiß, wie er das Orchester dahin bekommt, wohin er es haben will – hin zu einem musikantischen, lebensbejahenden Mahler, der schier überquillt vor Glück und Leidenschaft und trotzdem in geordneten Bahnen bleibt.