Ein Dirigent für Berlin

„Diskretion ist wahnsinnig wichtig“

Serie, Teil 3: Warum die Berliner Philharmoniker hinter verschlossenen Türen wählen

Die 124 wahlberechtigten Berliner Philharmoniker sind am 11. Mai aufgefordert, den Nachfolger für Simon Rattle zu wählen. Der Ort, an dem sie sich zur Wahl treffen, wird voraussichtlich erst am Tag selbst bekannt gegeben. Und die Handys bleiben ausgeschaltet. Viel Geheimnisvolles liegt über dieser weltweit einzigartigen Wahl, bei der die Musiker ihren Chefdirigenten selbst wählen. Gern beschwören die 1882 gegründeten Philharmoniker ihre „Orchesterrepublik“, aber genau genommen ist es erst die dritte Wahl dieser Art. „Bei Herbert von Karajan heißt es auch immer, er wurde vom Orchester gewählt“, sagt Orchestervorstand Peter Riegelbauer. Aber Genaueres über eine Abstimmung weiß niemand mehr. „Es gab so eine Art Bestätigung durch das Orchester. Ich glaube, er wurde einfach so nominiert.“ Das war am 13. Dezember 1954, kurz zuvor war sein Vorgänger Wilhelm Furtwängler verstorben.

Eine ausgeklügelte Wahlordnung

Die Ära Karajan dauerte 34 Jahre an, der Österreicher verstarb 1989. „Nach seinem Tod hat man gesagt“, so Riegelbauer, „jetzt machen wir eine demokratische Wahl.“ Kurioserweise verwandte man damals den Begriff volldemokratisch. Die erste richtige Wahl fand also am 8. Oktober 1989 in der Siemens-Villa statt. Sie dauerte rund sechs Stunden. Dann trat der Cellist Klaus Häussler vor die Presse und nannte den Namen Claudio Abbado. Der Italiener war ein vertrauter Gastdirigent, der bereits mehr als 30 philharmonische Konzerte dirigiert hatte. Er stand für die Wiener Klassik, das deutsche romantische Repertoire und die klassische Moderne. Vor allem aber war der linke, hemdsärmlige Dirigent, der sich mit „ich bin Claudio“ einführte, das Gegenmodell zum konservativen Pultherrscher Karajan. Das war die demokratische Neuorientierung der Musiker.

Kontrabassist Peter Riegelbauer, der 1980 in Orchester kam, erinnert sich, dass die Musiker sich ihrer Verantwortung sehr bewusst waren. „Man hatte damals schon eine ausgeklügelte Wahlordnung erstellt. In der Wahlversammlung hatte jeder das Recht zu reden. Es lief sehr diszipliniert, konstruktiv und harmonisch ab.“ Mit der Wahl wird ein Chefdirigent designiert. Dann wird er angefragt. Nach seiner Zusage beginnen die Vertragsverhandlungen. Seinerzeit war das Berliner Philharmonische Orchester noch eine nachgeordnete Behörde und somit die Senatsverwaltung zuständig. Inzwischen gibt es die Stiftung Berliner Philharmoniker, und der Stiftungsrat nimmt die Verhandlungen auf. „Natürlich können solche Verhandlungen scheitern, weil man sich nicht übers Geld oder den Umfang der Tätigkeit einigt“, sagt Riegelbauer, „aber keiner kann sagen, wir verhandeln nicht mit ihm, weil uns sein Gesicht nicht gefällt.“

Bei Claudio Abbado lief alles reibungslos. Er bekam einen Vertrag über sieben Jahre plus Option auf eine fünfjährige Verlängerung. Die zwölf Jahre bis 2002 sind es auch geworden. Abbado teilte im Februar 1998 – das war zwei Jahre vor seiner Erkrankung – den Musikern mit, dass er seinen Vertrag auslaufen lasse. Am 23. Juni 1999 fand die zweite Wahl im Chorsaal der Philharmonie, der heute Hermann-Wolff-Saal heißt, statt. Die Wahl dauerte nicht so lange wie die erste. Das hängt auch damit zusammen, dass die Musiker bereits in den Monaten davor viele Diskussionen über Neuausrichtungen und Kandidaten geführt hatten. Dann wurde der Name Simon Rattle mitgeteilt.

Über die beiden bisherigen Wahlen ist erstaunlich wenig bekannt. Die Philharmoniker halten dicht. „Wir haben gelernt, dass Diskretion wahnsinnig wichtig ist“, sagt Riegelbauer. Was nichts damit zu tun habe, dass man sich besonders wichtig oder geheimnisvoll machen wolle, sondern um die Kandidaten zu schützen. „Wer in die engere Wahl kommt, den muss man als künstlerischen Freund bezeichnen. Das sind unsere Gastdirigenten zum Teil seit vielen Jahren. Und das soll in Zukunft so bleiben, auch wenn sie nicht gewählt werden. Wir möchten keine Verletzungen oder Kränkungen riskieren.“ Längst haben sich die Philharmoniker auch davon verabschiedet, die möglichen Favoriten vorher anzusprechen. Verärgerte Stardirigenten sind ein Thema für sich.

Über Rattles Wahl ist auch nur wenig bekannt. In der „Financial Times“ stand, im letzten Wahlgang habe sich Simon Rattle mit 43 Prozent gegen Daniel Barenboim mit 25 Prozent durchgesetzt. Seitens der Philharmoniker werden solche Aussagen immer dementiert, selbst wenn sie richtig sind. „Es werden auch im Nachhinein keine Details über den Wahlvorgang bekannt gegeben“, sagt Riegelbauer. Die Verschwiegenheit sei ein Ehrenkodex, aber keine juristische Angelegenheit. Und wenn mal etwas nach draußen dringt, dann reagiere die Gemeinschaft dementsprechend darauf. Mit Simon Rattle, der damals das City of Birmingham Symphony Orchestra leitete, holten sich die Musiker einen Chef, der mit dem Ziel antrat, die Philharmoniker zu einem „durch und durch europäischen Orchester zu formen“. In seiner Amtszeit haben sich die Philharmoniker deutlich verjüngt und Education bekam eine größere Rolle.

Strömungen im Orchester

Simon Rattle hatte schon vor zwei Jahren verkündet, seinen Vertrag 2018 zu beenden. Schnell wurde ein Wahltermin ausgesucht und erstaunlich lange geheim gehalten. „Wir haben gelernt, dass es sehr wichtig ist, früh mit der Vorbereitung anzufangen“, sagt Riegelbauer. Seither diskutieren die Philharmoniker in ihren Versammlungen über ihre Zukunft, es gibt Strömungen innerhalb der Philharmoniker, jeder hat seinen Kandidaten. In der Öffentlichkeit werden Namen wie Daniel Barenboim, Gustavo Dudamel, Riccardo Chailly, Mariss Jansons, Andris Nelsons oder Christian Thielemann gehandelt. Die Philharmoniker selbst schweigen.