Roman

Kiera Cass: Man würde ja gern aufhören, sie zu lesen

Bestseller ohne Handlung: Wie funktioniert das eigentlich?

Terroristen. Armut. Krieg. Und trotzdem: Sind sie nicht herrlich, diese duftigen Kleider, die das Mädchen America auf den Buchdeckeln der „Selection“-Trilogie trägt? Die Welt, in der die schmale Rothaarige immer wieder auf ihr Zimmer geht, ist grausam. Rebellen greifen an. Und es gibt ein Kastensystem, in dem sie selbst eine Fünf ist. Doch sie kann zur Eins aufsteigen, wenn sie es schafft, ihre Konkurrentinnen bei einem Casting im Palast des Königs auszustechen. Dazu muss sie sich a) in den Prinzen verlieben, obwohl sie ihn für einen oberflächlichen Idioten hält, und ihn b) dazu bringen, sie zu heiraten, obwohl er vielleicht eine andere liebt. Und sie einen anderen. Oder nicht. Oder doch? Ach nein. Aber ja! Doch. Nein. Darum geht es auf den 368 Seiten des ersten („Selection“), den 384 Seiten des zweiten („Die Elite“) und den 384 Seiten des dritten Bandes „Der Erwählte“ (Sauerländer, 16,99 Euro).

Die Amerikanerin Kiera Cass hat hier zwei Quotenhits gemixt, die sich in ihrem gesellschaftskritischen und künstlerischen Anspruch ausschließen: „Die Tribute von Panem“ und die Kuppelshow „The Bachelor“. Dass es dieses Paradox weltweit an die Spitzen der Bestsellerlisten geschafft hat, erklärt, warum dauerhafte Herrschaftssysteme selbst wie Serien-Bestseller funktionieren: weil einige Menschen dazu neigen, an einer Sache dranzubleiben, die sie eigentlich doof finden. Man lese zum Beweis Kundenrezensionen der obersten Begeisterungskategorie. „Selection“, schreibt ein Fünf-Sterne-Geber, sei wie Reality-TV. „Man interessiert sich nicht dafür, man findet es dämlich, aber irgendwie kann man einfach nicht damit aufhören.“

Nun heißt die Heldin zwar America, wie ein Land, das ja auch viele nervt, das aber alle mögen sollen oder wollen oder mögen wollen sollen. Der Ort, in dem der Palast steht, heißt jedoch Angeles. Ansonsten wendet Cass nur wenig Kreativität auf, um ihre Dystopie symbolisch auszuschmücken. Oder wenigstens futuristisch. In ferner Zukunft besitzen die Leute weiterhin Fernsehgeräte, um zu verfolgen, wie grazil die Ich-Erzählerin ihren Spagat zwischen neoliberaler Eigenverantwortung und den Bequemlichkeiten einer mittelalterlichen Ständegesellschaft hinbekommt: Wenn aus der Heirat etwas werden sollte, „durfte ich mich nicht zurücklehnen und darauf hoffen, dass es von selbst geschah. Ich lief im Zimmer auf und ab … und wartete ungeduldig auf die Rückkehr meiner Zofen“. Es passiert wenig, so bleibt genügend Zeit, um etwa die Ohrringe zu registrieren, die auf blutverschmiertem Boden liegen.

Americas Streben nach Glück wird mit ein paar ethischen Glitzersteinchen dekoriert. Aber, „ganz ehrlich“: Es geht gar nicht um die Liebe. Sondern um Sicherheit. Sicherheit an Zimmertüren und im Gefühl. Für beides gibt es attraktive Wachmänner.