Bühne

Moralisch ging nicht

Sein Programm ist derb, aber das lieben die Fans: Atze Schröder gibt den Proll in der O2 World

Seit 20 Jahren mimt er den kumpelhaften Ruhrpott-Proll mit dem großen Herzen und der noch größeren Klappe. Atze Schröder, die konsequent durchgestylte Kunstfigur aus Essen-Krey, deren Schöpfer es fast die ganzen Jahre über geschafft hat, seine Identität und sein Privatleben zu verbergen, hat es mit seinen Markenzeichen Miniplis, Porschebrille und Cowboystiefel in die Oberliga der deutschen Comedyszene geschafft. Schon immer ging es in seinen Bühnenprogrammen gern auch libidinös und deftig zu. Er schreckt vor keinem Kalauer zurück, und sei er noch so zotig. Doch noch nie zielte der passionierte Porschefahrer und Frauenversteher so sehr unter die Gürtellinie wie in seiner neuen Show „Richtig Fremdgehen“, mit der er am Donnerstagabend vor nahezu 5000 zum Lachen entschlossenen Fans Berlin-Premiere in der O2 World feierte.

Status Quos „Whatever You Want“ dröhnt zum Auftakt aus den Lautsprechern. Auf Leinwänden links und rechts der Bühne wechseln sich zur Einstimmung Pleiten-Pech-und-Pannenvideos ab. Als der Vorhang fällt, öffnet sich der Blick auf eine surrealistische Fruchtbarkeitinstallation mit schwebenden Fellkugeln und übergroßen Flokati-Eiern. Mittendrin ein mit Wuscheldecke bezogener Flügel.

Als Atze Schröder mit laut gebrülltem „Hallo Berliiin!“ die Bühne entert, bricht ein Jubel aus, als stünden Clapton, Jagger und McCartney gemeinsam auf der Bühne. „Bombenstimmung hier“, grinst Schröder, „dabei hab ich noch gar nichts gemacht.“ Über dieses Programm könne man nur lachen, wenn man treu sei, sagt er zur Einführung. Er habe versucht, das Programm moralisch zu halten. Aber: „Ging nicht.“ Wer sich auf die folgenden zwei Stunden einlässt, erlebt einen routinierten Entertainer, der sich zwar vorsätzlich niveaufrei geriert, aber sein Palaver pointiert und in perfektem Timing über die Rampe bringt.

Schröder beherrscht sein Handwerk. Er weiß genau, wann er den nächsten Lacher platziert, weiß auch, dass das Publikum umso mehr lacht, je schweinischer seine Geschichten werden. Natürlich ist dieser Abend kein Seminar in Sachen Lebenshilfe für den idealen Seitensprung. Obwohl der Ruhrpott-Macho Tipps wie „Nicht erwischen lassen“ oder „Es muss sich lohnen“ parat hat. Und sich lustig macht über Fremdgeher-Promis von Boris Becker über Sylvie Meis. Es geht um amouröse Abenteuer mit George Clooney in einer Adlon-Suite und lustvollen Sex in einer Sparkassenfiliale, aber auch um TV-Trash wie „Extrem schön“ oder „Bachelor“.

Und um Fußball, der heute doch viel sexgesteuerter sei als früher. „Wenn man da nur an Brasilien denkt, an dieses große Land, dieses schwarze Haar, diese gebräunte Haut, diesen Knackarsch! Und da spreche ich jetzt nur von Jogi Löw.“ Cristiano Ronaldo habe heute weniger Haare am Körper als Flipper, sagt er, da denke doch selbst der Ball: „Knall’ mich an die Latte, du Luder!“ Der Ball mag ziemlich flach kommen, sorgt aber dennoch für große Wirkung im Saal. Man mag nicht wirklich alles wiedergeben, was Atze Schröder zum Thema Sex von sich gibt. Man muss manche derbe Entgleisung wie über die Kanzlerin und Helmut Kohl auch nicht unbedingt gut finden. Aber der Komiker inszeniert temporeich mit Worten und Gesten oft abstruse, gut beobachtende, und ja zum Schreien komische Situationen.

Er singt sogar „Ich war noch niemals in New York“. Der Flügel spielt von ganz allein. Udo Jürgens sei nämlich sein großes Idol. Atze Schröder zitiert ihn auch gleich passend zum Abend mit dem Satz: „Für nicht attraktive Leute ist es leicht, treu zu sein.“ Am Ende aber gibt er seinem Publikum dann noch einen guten Rat mit auf den Weg. Denn Treubleiben könne auch ganz schön sein: „Fahrt doch noch zusammen in den Wald. Auch wenn ihr verheiratet seid. Vielleicht ja sogar miteinander.“