Roman

Herzschmerz auf den Barrikaden

In „Berlin Feuerland“ erzählt Titus Müller von den Märzkämpfen 1848 vorm Stadtschloss

Seit Mittwoch steht eine große Plakatwand vor dem Platz, die das Berliner Stadtschloss im Mai 1945 zeigt, nach den Bomben des Krieges. Dahinter sieht man die Rohfassade des neuen Schlosses, das jetzt wieder aufgebaut wird. Und seit Kurzem hat man mit Neil MacGregor einen echten Trumpf für den Intendanten des künftigen Humbold-Forums gewonnen. Nun kann man endlich beginnen, auch über die Inhalte dieses millionenschweren Prestigebaus zu sprechen. Ist der rohe Kasten dem gewöhnlichen Berliner doch nach wie vor eher etwas fremd.

Arm liebt Reich in Krisenzeiten

Wie gut, dass es da jetzt einen Roman gibt, dessen eigentlicher Coup darin besteht, dass das Stadtschloss hier im Mittelpunkt steht. Nicht nur geografisch, sondern fast als eigener Protagonist. In einer Phase, als das Schloss heftiger umkämpft war als heute mit all den Wiederaufbau- und Inhaltsdebatten: im März 1848, in jenen fatalen Tagen, als bei den Berliner Barrikadenkämpfen 270 Bürger ums Leben kamen, die sogenannten Märzgefallenen.

Titus Müllers „Berlin Feuerland“ beginnt indes erst mal ganz woanders. In der Oranienburger Vorstadt, wo die Schlote der Fabriken von Borsig & Co. qualmen und dem Areal seinen Namen geben. Wir kennen den schon aus „Der König von Feuerland“, Horst Bosetzkys vier Jahre altem Roman über August Borsig. Die Perspektive liegt diesmal aber nicht auf dem Großunternehmer, sondern auf den kleinen Leuten und den erbärmlichen Umständen, in denen sie dort hausen müssen.

Es gab seinerzeit so etwas wie eine Elendssensation. Wohlhabende aus den besseren Vierteln schauten mal vorbei, um die nahe Armut als Exotik zu bestaunen. Einer der Romanprotagonisten, Hannes Böhm, begegnet diesem Zynismus mit seinem eigenen. Indem er reichen Damen das Feuerland zeigt. Ein Reiseführer des Elends. Es kommt, was kommen muss. Nennen wir es „Downton Abbey“-Dramaturgie. In eine dieser Damen verliebt er sich, eine, die sich danach nicht auf ihre Silbertasse Tee freut, sondern wirkliches Mitleid empfindet. Doch wohnt just diese Alice als Tochter des Kastellans im Schloss. Arm liebt Reich. Natürlich folgt bald eine Gegeneinladung in „ihr“ Heim, ins Schloss, selbstredend ebenfalls mit einer ausführlichen Führung, die das Zentrum des Buchs bildet. Auch wenn das bei der angespannten politischen Lage recht unglaubwürdig wirkt.

Die unmögliche Liebe wird noch zusätzlich verkompliziert durch einen Umstand, den wir ebenfalls aus jedem Historienevent-TV-Zweiteiler, der auf sich hält, kennen: das Dreiecksverhältnis. Das Mädel steht mal wieder zwischen zwei Männern. Der zweite Verehrer ist natürlich ein preußischer Soldat, der bei den Lumpen kein Pardon kennt. Konflikte wie aus einem Groschenheft.

Am meisten genießt man diesen historischen Roman, wenn man über den vorhersehbaren Herzschmerz großzügig hinwegliest. Spannend ist es immer dann, wenn die damals 400.000 Seelen zählende Stadt selbst geschildert wird. Wie es an allen Ecken und Enden gärt und brodelt, wie sich trotz Versammlungsverbots immer mehr Berliner zu Protesten versammeln, am Ende zu Zehntausenden im Tiergarten.

Der Leser erlebt diese angespannten Tage durch Kutte, einen Rebellen und Freund von Hannes, aber auch durch den Polizeipräsidenten, Julius von Minutoli, den Infanteriegeneral Ernst von Pfuel und einen dubiosen Doppelagenten, der für die Polizei spitzelt, aber ein ganz anderes Süppchen kocht. Auch ein alter Alexander Humboldt und ein junger Rudolf Virchow tauchen als Randfiguren auf. Und dann befinden sich natürlich, ein Naturgesetz im Genre des historischen Romans, so ziemlich alle auf dem Schlossplatz wieder, als die Stimmung kippt und die Soldaten in die Menge schießen. Und natürlich treffen diese Figuren unter Zehntausenden unabdingbar aufeinander.

Recherche vor der Haustür

Titus Müller, der 1977 in Leipzig geboren wurde und in Berlin Geschichte und Literatur studiert hat, hat mit 24 Jahren seinen ersten Roman „Der Kalligraph des Bischofs“ veröffentlicht. Seither folgten weitere Historienromane wie „Die Siedler von Vulgata“ oder „Die Jesuitin von Lissabon“ und Auszeichnungen wie der Sir-Walter-Scott-Preis oder der „Histo-König“. Für sein jüngstes Buch hat Müller, der inzwischen in Bayern wohnt, lange in Berlin recherchiert. Seine Erkenntnisse lässt er oft wie nebenbei einfließen. Dass gerade ein neues Musikinstrument in Mode ist, das Saxofon. Dass eben erst die „Berliner Normalzeit“ eingeführt wurde. Dass der König nur im Winter im Stadtschloss weilt und im Sommer Sanssouci bevorzugt. Und dass Friedrich Wilhelm IV., während das Volk hungert, sein Stadtdomizil mit einer neuen, stählernen Borsigkuppel krönen lässt. Eine Baustelle, auch damals.

„Reenactments“ sind ja derzeit schwer in Mode. Nicht nur in echt, wenn sich gestandene Menschen in historische Kostüme werfen und alte Schlachten nachstellen. Sondern auch in Büchern, wie bei Sabine Ebert vor zwei Jahren im Völkerschlachtroman „1813“ oder ganz frisch mit ihrer Wiener-Kongress-Fortsetzung „1815“. „Berlin Feuerland“ ist ein weiteres Musterexemplar, mit allen Vorzügen und Nachteilen. Mit allen vorhersehbaren Klischees und Versatzstücken. Aber auch mit Momenten, die einem auch heute seltsam vertraut wirken. Fast amüsiert liest man die Proklamation des Königs, der sein Volk beruhigen will mit der Behauptung, ausländische Kräfte hätten die Unruhen geschürt. So argumentiert auch heute noch ein Putin oder Erdogan. Nicht immer werden aus der Geschichte Lehren gezogen.

Titus Müller: Berlin Feuerland. Karl Blessing Verlag, 480 Seiten, 19,99 Euro.