Konzertkritik

40 Minuten Zugabe von Star-Pianist Grigory Sokolov

In der Philharmonie sorgt der Russe für Wohlfühlatmosphäre

Was gibt es noch zu Grigory Sokolov zu sagen, dem derzeit besten Pianisten der Welt? Dem publikumsscheuen Russen, der seinen Zuhörern stets mit abweisend mürrischer Miene begegnet und zugleich so beglückende Konzerterlebnisse beschert? So hoch wie bei kaum einem anderen Pianisten sind mittlerweile die Erwartungen gestiegen. Nirgendwo sonst trifft man so viele Berufspianisten, Klavierpädagogen und Musikstudenten auf einmal an – vereint in der Hoffnung, auch dieses Mal wieder kostbare Inspirationen für die eigene musikalische Praxis zu sammeln.

Was für ein Glück, dass Sokolov dieser Erwartungsdruck nicht im Geringsten zu schaffen macht. In konzentrierter Demut beugt er seinen massiven Oberkörper in die Tastatur, scheint alles um sich herum zu vergessen. Die gedimmte Podiumsbeleuchtung sorgt für schummrige Wohnzimmeratmosphäre in der Philharmonie. Bachs B-Dur-Partita zu Beginn glänzt dafür umso wacher. Es ist ein subjektives Bach-Spiel, konsequent geplant und feinsinnig artikuliert. Jeder Satz hat seine eigene unverwechselbare Klangfarbe, seine eigenen agogischen Freiheiten. Sokolov bevorzugt langsame Tempi, schaltet in der Sarabande gar auf Zeitlupe. Er verblüfft mit pittoresken Verzierungen, luftigen Trillern, verschiedensten Arten von Akkordbrechungen. Eigentlich geschieht dies ja ganz im Sinne Bachs. Doch in diesem nachschöpferischen Ausmaß traut sich das zurzeit nur Sokolov zu.

Noch lebendiger, noch inniger im Hier und Jetzt schwingt Beethovens D-Dur-Sonate op. 10 Nr. 3. Auf leisen Sohlen federt Sokolov in den Kopfsatz, lässt die Musik lächeln und blühen. Leidenschaft und Dramatik hebt er sich für die Durchführung auf. Im mittleren Satz entfaltet Sokolov intimsten Operngesang. Er zeigt, wie viel Schubert bereits im frühen Beethoven steckt. Das dicht gedrängte Publikum hält den Atem an. Es erlebt ein Beethoven-Spiel, das unerschöpfliche musikalische Universen öffnet, eine magische Klavierpoesie, die ungeahnte Bereiche des Bewusstseins aktiviert.

Erstaunlich, dass sich Sokolovs exaltierte Armschwünge und Handgelenkswürfe nicht klanglich auswirken. Trotz aller kurzgliedriger Bewegungen entstehen in Schuberts a-Moll-Sonate KV 784 lange epische Bögen, fließen ungeheuer dichte Gefühlsströme. Spannung und Entspannung auf zeitlich engstem Raum – das ist Sokolovs Art, trotz höchster musikalischer Konzentration durchlässig und flexibel zu bleiben. Am Schluss hat der 65-Jährige dadurch sogar noch Energien für einen 40-minütigen Zugaben-Block.

In aller Ruhe und Reife entfaltet er vier Chopin-Mazurken und das berühmte Regentropfen-Prélude. Dass Sokolov ein begnadeter Zugaben-Pianist sein kann, der sein Publikum gern bis spät in die Nacht beschenkt, ist hinlänglich bekannt. Und doch sorgt der Russe mit seinem sechsten Encore für die schönste Überraschungen des Abends: Debussys Prélude „Canope“. Auch den französischen Impressionisten hat Sokolov also im Repertoire, auch ihn beherrscht er auf einsamem Weltklasse-Niveau.