Film

Fenster zur Seele

Tim Burton verfilmt einen spektakulären Kunstskandal: „Big Eyes“. Dabei fährt ihm ausgerechnet sein Star Christoph Waltz in die Parade

Es sind die Augen. Diese riesigen, traurigen Augen, die aus verlorenen Kindergesichtern schauen und diesen hypnotischen Sog entwickeln. Immer wieder, aus allen Bildern. Nie gab es ein anderes Motiv im Oeuvre von Margaret Keane. Darauf angesprochen, antwortete die Künstlerin, diese Augen seien die Fenster zur Seele. Zu einer, das müsste man anmerken, geschundenen Seele. Insofern wusste die Künstlerin ganz genau, was sie da malte. Hatte sie doch selbst den Horror erlebt.

Schummelei wird zur großen Lüge

Erst in einer Ehe auf dem Land, vor der sie, mutig genug in den erzkonservativen USA der 50er-Jahre, geflohen ist, mit einer kleinen Tochter und wenig Gepäck. In San Francisco schien es besser zu gehen. Dort lernte sie einen Gelegenheitsmaler kennen, der ihr Talent erkannte. Und sie unterstützte. Nur dass die Galeristen kein Interesse zeigten. Und Werke von Frauen sich nicht verkaufen ließen. Also gab Walter Keane die Bilder seiner Frau einfach als die seinen aus. Und bot sie nicht in elitären Galerien feil, sondern als Massenware auf Postern, Postkarten und Teetassen: das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Keane, keine Frage, war ein Marketing-Genie. Er löste einen wahren Hype um die Kulleraugen aus. Aber er ließ sich auch wie ein Star feiern. Während seine Frau im stillen Kämmerlein saß und malen musste. Aus der anfänglichen Notlüge wurde ein notorischer Betrug, den Walter Keane am Ende selbst glaubte. Bis seine Frau nicht mehr wollte. Und er cholerisch wurde.

Die Geschichte ist wahr und führte 1970 zu einem spektakulären Kunstprozess. Eine dieser Geschichten, die derzeit gut laufen im Kino. „Nach einer wahren Geschichte“, das klingt heute besser im Vorspann als der Film nach einem Buchbestseller. Einen Tim Burton dafür zu gewinnen, schien erst einmal eine merkwürdige Wahl. Burton, das ist der Kultfilmen von stets sehr schrägen, sehr düsteren, abgründigen Farcen voller Freaks und Außenseiter. Ein Kunst-, ein Ehedrama wie das der Keanes scheint nicht recht zu passen in dieses Universum.

Und doch: Es sind die Augen. Wer die Illustrationen kennt, die Burton in seinen Anfängen als Zeichner bei Walt Disney machte, wird Parallelen erkennen. Auch da gab es die großen, traurigen Kulleraugen, wegen denen er letztlich bei Disney auch rausflog: weil sie zu eigen, zu traurig, zu depressiv waren. Diese Augen dominieren seine Trickfilme wie „Frankenweenie“ und „Corps Bride“, aber auch seine Realfilme wie „Edward mit den Scherenhänden“ und all die anderen Johnny-Depp-Figuren.

Man könnte sogar die Partnerinnen von Burton anführen, früher das Model Lisa Marie, heute die Schauspielerin Helena Bonham Carter, beides Frauen mit Riesenaugen. Unnötig zu erwähnen, dass Burton, ein ausgewiesener Kunstsammler, auch ein paar Keanes an den Wänden hängen hat. Und einst sogar ein Porträt von Lisa Marie bestellt und die Künstlerin so kennengelernt hat. Insofern war Burton also die richtige Wahl. Noch dazu, wo das Drehbuch von Scott Alexander und Larry Karazewski stammt, mit denen er schon „Ed Wood“ gedreht hat, vor allerdings schon 20 Jahren.

Stars spielen aneinander vorbei

Burton inszeniert diese Szenen einer Ehehölle anfangs wie Hitchcocks „Vertigo“, mit diesen seidenmatten Grün- und Rosafarben, ein Zeitbild der ausgehenden 50er-, beginnenden 60er-Jahre. Die große Streitfrage, ob Keanes Werke nun Kunst sind oder nicht, lässt er dabei unbeantwortet. Das vernichtende Kitsch-Urteil des gefürchteten Kunstkritikers John Canaday findet sich hier ebenso wieder wie Andy Warhols Suppendosenlogik: „Wenn die Leute es mögen, muss es gut sein.“

Was aber noch mehr überrascht bei Burton, der sonst so stilsicher seine ganz eigene Handschrift auf seine Filme drückt, ist, dass er sich hier offenbar nicht recht entscheiden konnte, wie er den Stoff anlegen sollte, als Drama oder als Komödie. So spielen seine beiden Hauptdarsteller das eine und das andere – und spielen aneinander vorbei. Großartig als Margaret Keane ist Amy Adams, die neue Muse des US-Kinos, die eigentlich keine dieser typischen Frauenopferrollen spielen wollte und ihren Ausbruch in die Emanzipation dann doch mit einem Furor spielt, der ihr einen Golden Globe eintrug. Wenn auch in der Sparte Komödie, obwohl sie die Rolle ganz dramatisch anlegt.

Christoph Waltz gibt Walter Keane von Anfang an als großen Popanz, als absurden Clown. Und so sehr wir den Halb-Berliner sonst lieben und schätzen, hier scheint er nur im Autopilot seine Tarantino-Charaktere zu variieren. Wobei er oft kurz vor der Knallcharge agiert und manchmal auch darüber. Für die Rolle war ursprünglich Ryan Reynolds gehandelt worden, das wäre sicher noch mehr in die Hose gegangen. Aber Waltz machte hier schlicht sein eigenes Ding und Burton konnte ihn dabei offensichtlich nicht steuern. So sind nicht nur Walters vermeintliche Öl-Bilder, sondern auch Burtons Film-Bilder letztlich nur falsche Fuffziger. Kunst oder Kitsch? In diesem Fall klar Letzteres.

Margaret Keane indes steht zu dem Film. Die Künstlerin, die heute 87 Jahre alt ist und einen kleinen Statisten-Auftritt im Film hat, sagt, den Film zu sehen sei, „wie in einen Spiegel zu schauen.“ Auch Waltz’ Darstellung ihres im Jahr 2000 gestorbenen Gatten hält sie nicht für übertrieben: „Hätten wir sein Benehmen bei dem Prozess wahrheitsgemäß nachgestellt“, sagt sie, „dann hätte uns das niemand geglaubt.“