Musikerin

Freiheit für Experimente

Irgendwann wurde es der Schwedin Adna in ihrer Heimat zu eng. Dann zog sie nach Neukölln

Gegensprechanlage in einem Mietshaus in Neukölln: „Hello?“ Adnas Stimme klingt sanft und leise. Ist das wirklich die kraftvolle, tiefe, kehlige Stimme aus ihren Songs? Erster Stock. Der Händedruck ist eigentlich keiner. Kein Druck. Vorsichtig legt sie ihre Hand in die der Besucherin. Adna Kadic, die sich als Künstlerin Adna nennt, bittet herein, bietet etwas zu trinken an, ist höflich, zurückhaltend. Kann sie das, auf der Bühne stehen und ein Publikum unterhalten? Sieht man diese kleine, ganz in Schwarz gekleidete Frau mit den langen, glatten schwarzen Haaren und dem scheuen Blick, ist das schwer vorstellbar. Doch gerade hat Adna ihr neues Album „Run, Lucifer“ veröffentlicht. Sie wird auf Tour gehen. Und die schwedische Sängerin wird Erfolg haben, damit muss man rechnen.

Adna, 21 Jahre alt, empfängt in ihrem Lebensraum. Es ist ein Zimmer in einer WG. Nicht in dem Neukölln, in das gerne privilegierte Gutverdiener ziehen, weil sie sich mit ein bisschen Underground und unaufgeräumter Kreativwelt umgeben wollen. Sondern das Neukölln der unterprivilegierten Schlechtverdiener, die es sich meist nicht ausgesucht haben, hier, am Rande des S-Bahnrings zu leben.

Adnas Raum ist beides, Leben und Arbeiten. Oben ist Leben. Sie hat ein Hochbett, an dessen Kante aufgerollte Verstärkerkabel hängen. Von diesem Bett aus kann sie auf das Wandgemälde schauen, schwarz auf weiß, es ist nichts Konkretes zu erkennen, viele kleine Striche, vielleicht eine Welt, vielleicht Bäume, vielleicht ein Himmel. Unten ist Arbeit. Unter dem Bett steht das Keyboard, der Computer, an dem die elektronischen Sounds für Adnas Kompositionen entstehen. Da ist das Mikrofon, in das sie ihre Texte hineinsingt, da stehen die zwei E-Gitarren, die akustische und eine Mandoline. Der Arbeitsraum unter dem Bett wirkt wie eine Höhle, in der sie die Träume, die sie oben träumt, in Wirklichkeit verwandelt. Hier werden Ideen zu Noten. Fast alles in diesem Raum ist entweder schwarz oder weiß. Im offenen Schrank liegt ausschließlich schwarze Kleidung, der Schreibtisch ist weiß, die Matte an der Wand, die die Ohren der Nachbarn schützen soll, ist schwarz.

Die Bühne als Therapie

Momentan finde der Großteil ihrer Tage in diesem Raum statt. Im Mai geht sie schließlich auf Tour, fünf Auftritte sind bisher in ihrer Heimat Schweden geplant, danach kommt sie nach Deutschland. Morgens erledigt sie in ihrem Zimmer meistens Bürokram, kreativ wird sie abends, wenn die Welt draußen dunkel und ein bisschen stiller wird. Zurzeit müsse sie vor allem üben, damit auf der Bühne dann auch alles gut geht. Denn da gibt es ein klitzekleines Problem. Da werden Menschen sein, die werden sie hören wollen. Alle werden sie anschauen und etwas von ihr erwarten. Wieder kann man sich diese leise Person nur schwer auf einer Bühne als Unterhalterin vorstellen. Adna, die stille Freundliche mit den wachen Augen und dem fest nachgezogenen schwarzen Strich auf den Brauen. Der Gang auf die Bühne sei ihre Therapie. Was ihr gegen die Nervosität helfe? Sie überlegt. „Die Musik. Ich spiele meine Musik ja für diese Leute.“ Aber um das konzentriert tun zu können, versucht sie, zu vergessen, dass sie da sind.

Auf ihrem Plattenregal liegt ein Buch, ja, das lese sie gerade, auch wenn sie zurzeit wenig dazu komme. Es ist Hans Falladas großer Berlinroman „Jeder stirbt für sich allein“ Auf Englisch heißt er „Alone in Berlin“. Adna ist auf Seite 37 von 700. Berlin habe es ihr vom ersten Moment an angetan, als sie 2014 auf einem der „Living Room Concerts“ gespielt habe. Sie wollte immer weg von Schweden. „Ich wollte vor allem vor dem Druck fliehen, den ich mir zu Hause selbst gemacht habe, und mich nicht mehr ständig fragen ‚Wie finden die anderen meine Musik?‘“, sagt sie. Berlin bedeutet für sie deshalb vor allem Freiheit. Das neue Album entstand in der Zeit der Veränderung. Den Song „Living“ schrieb sie noch in Schweden, „Silhouette“ schon in Berlin. Der Stadt, die ihr den Druck von den Schultern genommen hat, hat sie das sphärische, kühle und kraftvolle Intro gewidmet. Und da ist sie wieder, die andere Adna, die so voll und selbstbewusst und kein bisschen schüchtern singt. Ihre Marketingleute vergleichen sie mit Bon Iver. Adna lächelt, wenn sie das hört, sie bewundere die US-Band sehr, es sei ein schönes Kompliment.

Die neu gewonnene Freiheit lässt sie experimentieren. Weil sie all ihre Musik in ihrem WG-Zimmer herstellt, nimmt sie auch mal die Geräusche des Regens auf, der in den Hinterhof prasselt, oder das Knarzen des Holzbodens, wenn sie darüber läuft, und sampelt sie zu ihrem Adna-Sound. Höhepunkt des Albums ist der Titelsong „Run, Lucifer“. Da sind sie nämlich wieder, die Gegensätze, Lucifer, der gefallene Engel, gleichsam Lichtträger und Herr über Dunkelheit und Hölle. Mit Adnas Stimme schwebt der Zuhörer durch die Klangwelt zwischen oben und unten.

Genau so, in diesem Zimmer in Neukölln, leben und arbeiten, so will Adna erst mal weitermachen. Wie lang? „Bis ich fertig bin“, sagt sie. Sie sei einfach nur dankbar dafür, wie es momentan läuft. Schwer hat sie es mit ihrer Musik nie gehabt. Schule mit Musikschwerpunkt, Stipendien, Singer-Songwriter-Programm. Mit 18 Jahren steht das erste Video auf YouTube, ein Label schreibt sie an, nimmt sie unter Vertrag. Adna musste sich nie in verrauchten Bars hochspielen, sich der Szene anbiedern, der Musikindustrie anbieten.

Wahrscheinlich will sie auch deshalb nichts von der Berliner Musikwelt wissen. „Um ehrlich zu sein, ich kümmere mich nicht darum, es ist mir egal“, sagt sie. Nein, sie meide die Szene nicht bewusst, sie denke einfach nicht über sie nach, wolle sich auf ihre Musik konzentrieren und sonst nichts. Es ist keine arrogante Gleichgültigkeit, es ist eher eine schlaue Unwissenheit, ein scharfer Fokus. Wie sie da sitzt, über den Dingen schwebend, unberührt von dem rauen Wind des Musikgeschäfts, fast als wollte sie sich entschuldigen, dass sie über die Szene nichts sagen kann. Ja und wer ist das schon, diese Szene?