Kulturpolitik

„Berlin braucht keinen Aufbruch mit Abrissbirne“

Drei Intendanten kritisieren Tim Renners Volksbühnen-Pläne

Die bevorstehende Neuorganisation der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz bleibt ein Streitthema. Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, hatte die Berliner Kulturpolitik deswegen bereits heftig attackiert. Jetzt haben sich die drei Intendanten Joachim Lux (Hamburger Thalia Theater), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin) und Martin Kusej (Münchner Residenztheater) mit einem offenen Brief an den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner gewandt. Auch sie wenden sich gegen die Pläne, die Volksbühne nach Auslaufen des Vertrags von Frank Castorf 2017 in ein freies Produktionshaus umzuwandeln. „Berlin kann sich glücklich schätzen. Nirgends auf der Welt gibt es ein Theater wie die Volksbühne“, heißt es in ihrem Schreiben: „Sie ist einmalig und interpretiert den Anspruch des Literatur-, Ensemble- und Repertoiretheater auf besonders aufregende und avantgardistische Weise. Sie aber wollen einen großen Künstler, Regisseur und Theaterleiter ohne jede Not entlassen. Damit nehmen Sie Berlin das, was der Politik doch immer so wichtig ist: ein Alleinstellungsmerkmal.“

Eine irreversible Entscheidung

Während BE-Intendant Peymann die künftige Volksbühne bereits als eine weitere „Eventbude“ geißelte und öffentlich vorschlug, dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller besser auf seinen Kulturstaatssekretär („die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“) verzichten sollte, fordern die drei Intendanten eine breite öffentliche Debatte zur Volksbühne und lehnen „handstreichartige“ Entscheidungen in den „Hinterzimmern der Politik“ ab. „Man kann und muss selbstverständlich über alles diskutieren dürfen, und also auch über die Frage, ob es richtig ist, nach dem Schillertheater und der ehemaligen Volksbühne West nun mit der Volksbühne Ost auch noch ein drittes großes Berliner Theater als Ensemble-, Literatur und Repertoiretheater abzuwickeln.“ Eine neue Zweckbestimmung, so die drei Intendanten, liege nicht auf der Hand. „Die Bewegung aber, die Sie als Verantwortlicher Politiker derzeit der Berliner Kultur verordnen möchten“, heißt es im Brief, „bewirkt Zerstörung. Denn sie ist irreversibel.“

Der Vorgang sei kulturpolitisch besonders erschütternd, „weil die Volksbühne kein maroder Sauhaufen ist“, heißt es. „Berlin braucht keinen Aufbruch in die Zukunft, der mit der Abrissbirne daherkommt. Berlin braucht Frank Castorf und sein Künstlerkollektiv.“ Tim Renner hatte auf Claus Peymanns Vorwürfe reagiert und versichert, die Volksbühne in ihrer Ensemblestruktur nicht zu verändern. Aber er setze auf Teams. Als Leiter wird Chris Dercon, der Leiter der Londoner Tate Gallery, gehandelt. Die neue Volksbühnenleitung soll voraussichtlich Ende April vorgestellt werden.