Interview

„Moses war der erste Zauberer“

Barrie Kosky will in Schönbergs „Moses und Aron“ die jüdische Geschichte betonen

Der Australier Barrie Kosky ist als Intendant auch angetreten, um an der Komischen Oper die jüdische Musiktradition in Berlin wiederzubeleben. Jetzt präsentiert der Regisseur die Oper „Moses und Aron“, die Arnold Schönberg, kurz bevor er ins Exil ging, in Berlin komponierte. Im Interview spricht Kosky über den Narzissmus von Wagner und Schönberg, über das Verhältnis von Zauberei und Religion und die Qual, auf der Bühne eine Orgie inszenieren zu müssen.

Berliner Morgenpost:

Herr Kosky, Sie wissen schon, dass manche denken werden, Sie wollen mit „Moses und Aron“ eine vergessene Operette wiederentdecken?

Barrie Kosky:

Das ist aber unfair. Ich mache doch nicht nur Operette. Von meinen mehr als 50 Inszenierungen bisher sind nur drei Operetten. Das ist nur ein kleiner Anteil in meiner künstlerischen Arbeit.

Immerhin bleiben Sie mit der Schönberg-Oper Ihrer Linie treu, die jüdische Tradition in Berlin wiederzubeleben oder zu pflegen.

Natürlich, Schönberg hat die Oper in Berlin geschrieben. Es ist ein Berlinstück, obwohl er ein jüdischer Österreicher durch und durch war. Er hat den letzten Takt von „Moses und Aron“ in Berlin komponiert, kurz danach ging er 1933 ins Exil. Er hat die Oper im hereinbrechenden Schatten des Dritten Reichs geschrieben.

Wie viel von dem Schatten steckt drin?

Es ist ein sehr komplexes Stück und muss auf verschiedenen Ebenen interpretiert werden. Es ist ein Stück über biblische Themen, über politische Themen, über Abstraktion, über spirituelle Fragen. Aber Schönbergs Idee über das Volk, darüber, wie einfach es ist, ein Volk zu manipulieren, ist zweifellos beeinflusst von dem, was er in Berlin bei den Nazis gesehen hat. Der Begriff „Führer“ kommt oft im Text vor, „Führer“ ist kein biblisches Wort. Das Stück hat zwar nichts mit dem Dritten Reich und den Nazis zu tun, aber es wäre ein anderes geworden, wenn er es in Wien, Paris oder Los Angeles geschrieben hätte.

Schönberg hat aus dem Namen Aaron ein a rausgenommen, damit der Operntitel ja nicht dreizehn Buchstaben hat.

Ja, der Mann war abergläubig. Dieser total intellektuelle Mann hatte große Angst vor der Zahl 13. Er fürchtete sich sein Leben lang, an einem 13. zu sterben. Und was passiert. In Kalifornien stirbt er 1951 an einem Freitag, den 13.

Moses sagt, er kann denken, aber nicht reden. Aron ist der Macher. Mit wem hat sich Schönberg mehr identifiziert?

Es gibt vier Protagonisten in der Oper: Moses, Aron, das Volk und Gott. Und ich glaube, Schönberg hat sich mit allen identifiziert, inklusive Gott. Manchmal war er Moses, der der Welt nicht erzählen kann, was seine Zwölftonmusik ist. Dabei war sie in der Musik das gelobte Land. Manchmal war er Aron, der eine Form der Vermittlung finden will. Manchmal hat er gedacht, er sei das Volk Israel. Und manchmal, er sei Gott. Ich glaube, Richard Wagner und Arnold Schönberg, zwei komplett verschiedene Künstler, sind sich da sehr ähnlich. Ihre Opern sind narzisstische Spiegel.

Auf Wagner kommen Sie jetzt, weil Sie „Die Meistersinger von Nürnberg“ für Bayreuth vorbereiten?

Ja, alle Wagner-Stücke handeln von Wagner. Wagner ist der fliegende Holländer, der Tannhäuser, der Parsifal, Wotan, Hans Sachs. Bei Schönberg ist es ähnlich, aber seine größte Identifikation hatte er schon mit Moses. Er hatte ein Moses-Syndrom, diese Anführermentalität. Er war sehr politisch und hatte einen unglaublich fundamentalistischen Zionismus in sich entdeckt. Er hatte sogar ein Manifest geschrieben und vorgeschlagen, er könnte Präsident des neuen Staates sein.

Eigentlich ist „Moses und Aron“ ein spröder, archaischer Stoff. Was ist für Sie daran reizvoll?

Zu zeigen, dass es ein hochdramatischer und zugleich sinnlicher Stoff ist. Ursprünglich sollte es eine kleine Kantate mit dem Titel „Moses am brennenden Dornbusch“ sein. Dann wurde sie in die große Form verwandelt. Man muss erkennen, dass der Konflikt zwischen den beiden Brüdern und dem Volk verläuft. Man braucht einen Chor, der singen und spielen kann. Was gar nicht einfach ist bei der Komplexität der Musik. Wir haben diesmal mit dem Vocalconsort Berlin 40 Chorsänger zusätzlich zu unseren 60 Chorsolisten – insgesamt also 100. „Moses und Aron“ ist die einzige Oper, die ich kenne, wo der Chor mit sich selbst argumentiert.

Menschen brauchen Götter, Gurus, Idole oder ein goldenes Kalb. Alles sollte möglichst greifbar sein.

Aron sagt, wir Menschen können nicht allein an abstrakte Ideen glauben. Wie also können wir es den Menschen verständlich machen? Das ist eine der großen Fragen der monotheistischen Religionen seit Jahrtausenden. Schönberg bezieht es aber eher auf die Manipulation der Massen, ein Thema des 20. Jahrhunderts. Es geht aber auch um die Sehnsucht nach Heimat.

Was wird bei Ihnen das goldene Kalb sein?

Warten wir die Premiere ab. Historisch gesehen war Moses der erste Zauberer, bei seinem Trick vorm Pharao hat er einen Stab in eine Schlange verwandelt. Die Verbindung von Zauberei und Religion gab es immer.

Laut Schönberg verfällt das Volk in einen Rausch von Sex und Selbstmord. Am Ende schlafen alle ein.

Ja, Schönberg macht es einem Regisseur nicht leicht, die Szene dauert 20 Minuten. Wir wissen, wie peinlich Orgien auf der Bühne sind. Man zieht die Hosen aus und greift gegenseitig zu als ob. Für uns ist das goldene Kalb ein Auslöser für ein Panoptikum von Albträumen der jüdischen Geschichte.

Führen die Albträume bis zum Holocaust?

Es ist unmöglich, über solche künstlerischen Stoffe die Schatten des Holocausts zu legen. Aber gewisse Assoziationen sind möglich. Sie sind hier aber nur ein Pfad von vielen. Der Holocaust ist nicht der Endpunkt der jüdischen Geschichte.