Porträt

Unterwegs mit einer echten Staatsfrau

Wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit Neil MacGregor einen Coup landete

Sie hat sich doch noch umgezogen. Auf einmal steht sie da in einem schimmernden Oberteil mit Kästchenmuster, manche der kleinen Vierecke sind bordeauxrot, manche roséfarben, am Rücken ein Reißverschluss, zwei an den Ärmeln, es sieht teuer aus.

Es war gerade noch Zeit, ins Hotelzimmer zu gehen und den Koffer abzustellen, keine Zeit zum Umziehen, hat sie gesagt. Jetzt steht sie da, als Erste, und wartet, gestraffte Haltung, ein bisschen ungeduldig vielleicht. Wir haben Verspätung, wir müssen uns jetzt ziemlich beeilen. Wir sind in Mannheim, also zwar nicht gerade in der Provinz, aber doch nicht in Berlin, wo Monika Grütters weit oben, im achten Stock des Kanzleramtes ihr Büro hat.

Sie bringt Leute zum Lachen

Kulturstaatsministerin. Ein Wort wie ein Reiterstandbild, erhaben, staatstragend und gleichzeitig von einer biederen, lichtdurchfluteten Bürokratenhaftigkeit, die einen an Sitzungssäle und holzgeschnitzte Rathaustüren denken lässt. Ein Föderalismuswort. Das Amt gibt es seit siebzehn Jahren, Grütters ist die zweite Frau, die es innehat. Sie ist katholisch.

Eine deutsche Staatsministerin bereist ihr Land. Mit Monika Grütters durch die südwestdeutschen Städte zu fahren, ist ein bisschen, als würde man einen Fürsten dabei begleiten, wie er seine Ländereien inspiziert – einen Fürsten, der wissen will, wie es den Leuten geht, der sich erzählen lässt, wie viele Tiere durch den Winter gekommen sind und wie die Ernte sein wird. Ob er helfen kann.

Im lichten Foyer des Nationaltheaters in Mannheim hat sich eine kleine, aufgeregte Gruppe versammelt. Der für die Mannheimer Kultur zuständige Bürgermeister, ein CDU-Mitglied wie Grütters, ist ein Mann mit einem länglichen Gesicht und einer kantigen Brille. Er eilt der Kulturstaatsministerin entgegen, ein bisschen, als könnte er nicht fassen, dass sie jetzt wirklich hier ist.

Frau Grütters ist derzeit ein Star, aber eine merkwürdige Art von Star, weil sie so unglaublich unspektakulär erscheint. Grütters, das weiß man vielleicht noch, ist eine Katholikin aus Münster, eine Intellektuelle allerdings, eine mit sehr viel Erfahrung in der Kulturpolitik. Ein bisschen bieder, keine, mit der man nachts bei Rotwein in Jazzkneipen sitzt.

Jetzt reden alle über sie, weil es ihr gelang, den britischen Kunsthistoriker Neil MacGregor ans Humboldt-Forum nach Berlin zu holen – eine öffentlichkeitswirksame und mutmaßlich sehr kluge Entscheidung. MacGregor kommt nun zwar nicht als alleiniger Intendant, sondern als „Gründungsintendant“ für zwei Jahre, aber er wird jetzt all das entwickeln, was gemacht werden wird im Humboldt-Forum, von dem sich noch keiner so richtig etwas vorstellen kann.

Und dann hat Grütters noch Tim Renner, den Kulturstaatssekretär, von ihrem Pressesprecher ermahnen lassen, weil Renner angeblich Chris Dercon als Castorf-Nachfolger an die Berliner Volksbühne holen wollte, den Direktor der Londoner Tate Gallery, der mit Theater wirklich herzlich wenig zu tun hat. Wenn sie darüber spricht, dann wirkt es fast ein wenig unwirsch, sie ist keine, die sich ständig in die Belange anderer einmischt, aber sie spürt, wenn es sein muss, und dass die drohende Zerstörung eines Ensembles ein solcher Fall ist, ist klar.

Von Monika Grütters ermahnt zu werden, muss ganz schrecklich sein, denn sie löst in einem den sofortigen Reflex aus, von ihr gemocht werden zu wollen. Die Frau hat das seltene Talent zur Macht, eine merkwürdige Mischung aus Jovialität und Klarheit, wie man sie sich eigentlich nur bei Politikern vergangener Dekaden vorstellt. Staatsmännisch. Und sie kann zuhören.

Sie setzt sich stundenlang in den Tagungsraum neben dem Opernsaal, sie lässt sich von den Spartenintendanten erklären, warum sie am Mannheimer Theater keinen einzelnen Intendanten mehr haben, sondern stattdessen etwas praktizieren, das Vierspartenintendanz heißt und bedeutet, dass die Leiter der einzelnen Bereiche, die es hier alle gibt, also Oper, Theater, Ballett und Kinder- und Jugendtheater, gleichberechtigt sind und zusammen alle Entscheidungen treffen.

Es werde abgestimmt, bis eine Lösung gefunden sei, sagt die Leiterin des Kinder- und Jugendtheaters, und Monika Grütters sagt: „Oh Gott.“ Sie widerspricht, wenn ihr etwas nicht einleuchtet, sie fragt nach Budgets, erklärt die unendlich komplizierten Förderungssysteme, und als ein Intendant sagt, es gehe ja auch darum, Migranten ins Theater zu holen, die sonst nicht ins Theater gingen, wirft Grütters ein: „Und Ärzte!“ Die gingen schließlich auch nicht alle ins Theater.

Sie macht, dass die Leute lachen. Und dass sie sich ernst genommen fühlen. Ein Spiel mit Wirkungen, sicher, nach dem Berliner Coup kommt die Sorge um die kleinen Theater der Bundesrepublik. Aber sie sorgt sich wirklich.

Monika Grütters ist eine Politikerin, bei der der Begriff „Entourage“ auf einmal Sinn ergibt. Auf der Weiterreise reicht ihre Pressesprecherin ihr das Handy für ein dienstliches Gespräch, die Pressesprecherin sitzt ein paar Reihen hinter ihr. Als Grütters das Gespräch beendet hat, hält sie mit wie zum Winken ausgestreckter Hand das Telefon in den Zwischengang, sie dreht sich nicht um. Die Pressesprecherin nimmt ihr das Handy ab. Sie studiert Akten während der Busfahrt, sie schreibt E-Mails, und immer wenn sich ein Journalist zu ihr setzt, beginnt sie, zu plaudern, wobei es immer aussieht, als würde sie gerade in einer Vieraugenunterhaltung Hintergrundinformationen darlegen.

Gin Tonic an der Hotelbar

Sie hat viel über Jean Paul gearbeitet, und eigentlich wollen wir darüber reden, bei einer jener Unterhaltungsrunden im Bus, aber wir landen irgendwie dabei, warum sie in die CDU eingetreten ist und bei ihrer Rolle als Frau. Sie sagt, sie habe immer bewusst Frauen gefördert. Aber sie habe auch immer dafür gesorgt, dass sie gegen Intrigen geschützt sei, habe den Frauen gesagt: Bitte sorg dafür, dass du nicht gegen mich kandidierst, solange ich hier bin.

Ob sie Feministin sei? Grütters hat manchmal etwas Mädchenhaftes, wenn sie die Lippen ein bisschen vorschiebt und sagt, ach nein, sie sei keine Kampfhenne. Aber sie habe eben einfach ein geschärftes Bewusstsein für dieses Thema, gerade als katholische Frau sei man ja in der Unterzahl. Sie habe eine Rede gehalten, als die Bischofskonferenz ihren Kulturpreis vergeben habe, an einen Mann, schon wieder, und als sie das angesprochen habe, habe es Standing Ovations im Publikum gegeben. Abends an der Hotelbar lädt Monika Grütters zum Gin Tonic ein.

Warum sie in die Junge Union eingestiegen sei? Nicht aus Konservatismus, nein, das sei eben einfach das bürgerliche Milieu in Münster gewesen, sie habe sich engagieren wollen. Sie sei so ehrgeizig. Manche werden eben zum Klassensprecher gewählt und andere nicht. Sie sagt oft, wie viel Glück sie gehabt habe. Sie verreist noch immer mit ihren Eltern, nach Sylt. Ob sie eine rebellische Phase gehabt habe? Ach nein, sagt sie, auch wenn ihrer Mutter das zu der Zeit so erschienen sei.

Sie habe als Teenager nachts unter der Bettdecke Flicken auf ihre Hose genäht, das habe man damals eben so haben müssen, da sei ihre Mutter dann schon unglücklich drüber gewesen und habe gesagt, so könne sie aber nicht in die Messe gehen. Ob das schon Punk gewesen sei? Grütters Teenagerzeit fällt ja in die späten Siebzigerjahre. Nein, sagt sie, nein, und zuckt ein wenig mit den Schultern, das sei halt einfach so gewesen damals. So wie Patschuli-Räucherstäbchen, die habe sie auch überall gehabt.