Literatur

Schafe und Möwen und jede Menge große Gedichte

Sohn Moritz liest aus dem Nachlass von Sarah Kirsch

Es wäre der 80. Geburtstag der großen Lyrikerin Sarah Kirsch gewesen, am letzten Donnerstag. Pünktlich zu ihrem Ehrentag erscheint posthum ein Teil ihres Nachlasses. Es sind Auszüge aus ihrem Tagebuch, das sie während einer Reise durch Südengland im Jahr 2000 schrieb. Wie immer zieht es Kirsch nicht in die große Stadt, London lässt sie links liegen. Stattdessen urlaubt sie in Begleitung ihres damals 31 Jahre alten Sohns Moritz durch die Landschaft Cornwalls und Devons. „Ænglisch“ heißt das schmale Bändchen, Moritz Kirsch liest im Literaturhaus in der Fasanenstraße daraus vor.

Das große Erbe der Berlinerin

Es sind die Kirsch-typischen, einfachen Sätze, reimlose Lyrik, Beobachtungen der Möwen, Magnolien und des Meeres, des simplen Lebens, ereignisarm und doch „eine sehr hübsche Reise“ wie sie schreibt. Tatsächlich scheint die Idylle in diesem Sommerurlaub Bestand zu haben, anders als sonst bricht keine verstörende Wendung ein. Sohn Moritz liest die Anschauungen seiner Mutter mit unbekümmerter Stimme, atemlos, in unbeschwerter Monotonie. Er greift Stellen hervor, in denen Sarah Kirsch auf ihre eigentümlich Art mit der Sprache spielt, englische und deutsche Worte vermengt und dazwischen berlinert, wie sie das eben so gerne tat. Die Wochentage heißen salopp Mohn-Tach, Mistwoch, Sams und Sonnentag, „das Meer ist so blau und alles ist gut“, obwohl die „exhibition scheußlich“ war und sie noch „das Kind wachbekommen“ muss.

„Das Kind“ sagt, die Reise mit der Mutter sei „entspannt“ gewesen, obwohl man bei einem Urlaub einer Mutter mit dem erwachsenen Sohn ja schon auch an Loriots „Ödipussi“ denken könnte. „Das Kind“ nennt seine Mutter Sarah, wie sich Ingrid Kirsch in Reaktion auf den Holocaust seit 1960 selbst nannte. „Das Kind“ muss dann erst mal Literaturhausleiter Ernest Wichner erklären, wie viele Schafe, Katzen, Esel, Schildkröten und Hunde auf dem Anwesen in Tielenhemme, Schleswig-Holstein, leben, wo Sarah Kirsch bis zu ihrem Tod im Mai 2013 lebte und arbeitete. Ob sie deshalb auch Landwirtin war, fragt Wichner. „Lies doch ihre Tagebücher, da steht doch alles drin“, ruft eine ältere Dame. Dieser Abend ist für Liebhaber, wer heute im Literaturhaus sitzt, kennt das Kirsch-Werk ganz genau.

Moritz Kirsch trägt einen beigen Anzug, ein verwaschenes T-Shirt und ein weit aufgeknöpftes Hemd darüber. Sein Haar hängt bis zum Kinn. Er hat Nordistik und das Orchideenfach Frisistik studiert, mit seiner Mutter teilt er die Liebe zum hohen Norden. Er kümmert sich um den Nachlass der Mutter. Und ja, es gäbe noch einige Schriften der Mutter, Tagebücher, da ließen sich bestimmt noch ein paar Bände veröffentlichen. Erst mal müsse er aber alles in Ruhe sichten.