Ausstellung

Ein Experiment mit Moby Dick im Hamburger Bahnhof

Michael Beutler verwandelt das Museum in eine Werkstatt

Eine fast bis zur Decke reichende halbtransparente Wand versperrt den Blick auf die große historische Halle des Hamburger Bahnhofs. Riesige Bögen bilden Durchgänge in eine Labyrinthstruktur, einzelne Teile ragen scheinbar halb fertig in den Raum. Bei näherem Hinsehen bemerkt man die Mimikry von Architekturelementen der ehemaligen Bahnhofshalle, die dem Museum für Gegenwart nun als White Cube dient. Man fühlt sich erinnert an prominente Baukonstruktionen des 19. Jahrhunderts, allesamt aus Glas und Stahl, Bahnhofshallen, Lichthöfe in Warenhäusern und Pavillons auf Weltausstellungen.

Vor allem der überdimensionierten Größe und Weiße der historischen Halle wollte der 1976 in Oldenburg geborene und derzeit in Berlin lebende Künstler Michael Beutler sich mit seiner Arbeit stellen, „sie auf ein humanes Maß skalieren“, wie er sagt. Als eine Art Kapitän Ahab versucht Beutler die Dimensionen der Halle zu bändigen wie Ahab den weißen Wal Moby Dick im gleichnamigen Roman des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville.

Der Wal gibt auch der Ausstellung den Titel, die nicht etwa ein abgeschlossenes Werk präsentiert, sondern vielmehr einem Experiment Raum gibt, einem sich bis zum Ende der Ausstellung fortsetzenden Prozess. Denn nicht das Resultat der Arbeit, ein Kunstobjekt, sei das Werk, sondern die Arbeit selbst, so der Künstler. Die historische Halle ist deshalb weniger Werk als Werkstatt, in der auch in den jeweils ersten drei Tagen eines Monats immer wieder weiter gewerkelt und gebaut werden wird. Auch wenn der Hamburger Bahnhof damit schon im Vorfeld mit einer großen Herausforderung konfrontiert war, da Michael Beutler zu Beginn seiner ortsspezifischen Arbeiten nie im Vorhinein sagen kann, was am Schluss dabei herauskommt, bekennt sich Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, ausdrücklich zu dieser Art von Ausstellung und will sie programmatisch verstanden wissen. Hier werde das Museum zum Ort des Experiments.

Das Experiment von Michael Beutler changiert zwischen Installation und Baustelle, will seinen Werkstattcharakter nie leugnen oder macht diesen vielmehr zum Bestandteil der Arbeit. Für die riesigen deckenhohen Wandkonstruktionen im Stile der Architektur des 19. Jahrhunderts, für das gigantische Drehtor im Zentrum der Halle, aber auch andere kleinere Teile der Installation stellt Beutler eigene selbst gebastelte Hilfsgeräte her.

Den Höhepunkt bietet das Drehtor in der Mitte der Halle, eine Konstruktion, die in einem Wasserbecken steht und mit ihrer schwebend tanzenden Bewegung die Besucher in ihrem Innern in Schwindel versetzt. Ihrer Orientierung beraubt, müssen sie sich neu sortieren – genau so lässt sich die Installationen von Michael Beutler erleben: mit einem durchgerüttelten und neu justierten Blick auf den Raum und die eigenen Instrumente der Wahrnehmung.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51. Di, Mi 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr. Bis 6. 9.