Klassik-Kritik

Riccardo Muti bringt Sommer in die Philharmonie

| Lesedauer: 2 Minuten

Der Maestro kredenzt Raritäten von Strauss und Schubert

Stattliche Eleganz, nobler Schwung: Mit Riccardo Muti kehrt ungewohnter Edelglanz in die Philharmonie. Die Streicher der Philharmoniker leuchten golden, die Bläser strömen erhaben. Ein Klang wie aus ferner Zeit erobert die Publikumsohren. Ein liebevoll gerundeter Ton, kultiviert und feinsinnig. Altmeister Muti lässt das Orchester nostalgisch lächeln – mit allen Vor- und Nachteilen. Man kann sich zurücklehnen und genießen. Man kann einmal mehr über die Wandlungsfähigkeit der Philharmoniker staunen. Doch man kann sich auch ein bisschen langweilen, weil es musikalisch nur wenig Neues zu entdecken gibt. Und das, obwohl immerhin zwei Orchesterraritäten auf dem Programm stehen: Schuberts „C-Dur-Ouvertüre im italienischen Stil“ und Richard Strauss’ Symphonische Fantasie „Aus Italien“.

Beides Jugendwerke, für die sich außer Riccardo Muti kaum ein Dirigent begeistert. Wohl aus gutem Grund: Schuberts Ouvertüre zu Beginn des Abends klingt wie nachgemachter Rossini. Wie eine Stilübung. Schubert selbst muss man in dieser Komposition mit der Lupe suchen. Genau das war auch das Ziel des 20-jährigen Komponisten: Er wollte seinen Freunden beweisen, dass er Rossini ziemlich passabel imitieren kann. Muti lässt die Philharmoniker tänzeln und trippeln. Er pflegt erlesenen Schönklang, bietet galante Schmiegsamkeiten.

Auch Strauss’ „Aus Italien“ mussten sich die Philharmoniker unter Muti ganz neu erarbeiten. Vor 26 Jahren, am Ende der Karajan-Ära, hatten sie das Werk zuletzt auf den Notenpulten. Der Dirigent damals: ebenfalls Muti. Es ist ein umstrittenes Werk, das zwar bereits den Orchesterfarbenmagier Strauss erahnen lässt, aber noch meilenweit entfernt scheint von jenen grandiosen motivisch-thematischen Metamorphosen, jener virtuos schweifenden Harmonik späterer Reife. Und doch tut es gut, diese Komposition mal wieder im Konzertsaal zu hören. Mit Streichern, die im Kopfsatz noch behaglich ihre Glieder strecken. Mit dunkel glühenden Holzbläsern „am Strande von Sorrent“. Die Titel der einzelnen Sätze haben Strauss seinerzeit heftigen Spott eingehandelt. Wer vermag schon darauf zu kommen, dass im ideensprudelnden Allegro molto con brio „Roms Ruinen“ gemeint sind? Muti bündelt diesen Satz so gekonnt, dass er wie guter Tschaikowsky klingt. Die Strandszenen verwandelt er in beschauliches Waldweben. Es ist ein Strauss, der niemals nach Italien klingt, aber immer nach Sommer.

Auch Mozarts „Haffner-Sinfonie KV 385“ zuvor, das Hauptstück des Abends, wiegt sich in Sonnenwärme. Der 73-jährige Muti fordert zurückhaltende Tempi, unterhält sein Publikum im geistreichen Konversationston. Sein Mozart wirkt altmodisch im besten Sinne: organisches Bassfundament, romantisch gefärbte Mittelstimmen, aristokratische Streicherkantilenen.