Bühne

Stell’ alle Regeln auf den Kopf

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Paul Weller spielt im Admiralspalast ein umjubeltes Konzert. Von seinen Soul-Wurzeln ist aber wenig zu spüren

Die Vorfreude auf dieses Weller-Konzert lag bei vielen Zuschauern im Bereich „Zahnarztbesuch“. Nach seinen letzten Berliner Auftritten hatten Ohrenzeugen von endlosen Gitarrensoli berichtet, von Rocklastigkeit und Song-Jams, die sich so lang anfühlten wie ein ganzes Woodstock-Wochenende.

Wellers kommendes Album heißt „Saturn’s Pattern“ und erscheint im Mai. Die Single „White Sky“ kündigte es an und löste in der Gefolgschaft Reaktionen zwischen Schock und blankem Entsetzen aus. Im Forum vom Rockmagazin „Rolling Stone“ etwa hieß es: „Traurig, wenn eine Weller-Single nicht sofort hängen bleibt, sondern eher Fassungslosigkeit auslöst.“

In Berlin macht Weller von Anfang an klar, wie tief ihn derlei Kritik bekümmert. Er spielt „White Sky“ als erstes Stück – und noch härter. Live und ohne elektronische Sperenzchen funktioniert das Stück immerhin deutlich besser.

Übermäßig voll ist der Admiralspalast nicht. Man steht mit luftigem Abstand voneinander. Viele sitzen. Weller gibt alles, um sie alle vom Hocker zu reißen. Er grinst ins Publikum und bleibt kaum einen Augenblick still stehen.

„I’m where I should be“ ist Stück drei, ebenfalls vom neuen Album. Nicht gerade „Penny Lane“. Weller geht dieser Tage mit Akkorden und Überraschungen um, als müsste er für jede neue Idee extra zahlen. Nicht ausgeschlossen, dass er vor zwei Alben so etwas wie eine Erleuchtung hatte. Der Heilige St. Bowie erschien ihm oder ein wieder auferstandener Syd Barrett: „Vergiss den Soul, die Beatles, stell’ alle Regeln auf den Kopf und experimentiere“, raunten sie vielleicht. Fortan mied er bis auf einige wunderbare Rückfälle den Pop-Song und ließ die gute alte Strophe-Brücke-Refrain-Struktur in Flammen aufgehen. Auf seinen Platten traf nun elektronische Präzision auf enthemmte Psychedelia.

Dem einst griffigen „Into Tomorrow“ entlockt er live nun ein Southern Rock Riff. Danach: Schlagzeugsolo. Das Titelstück von „Saturn’s Pattern“ ist endlich ein Wechsel vom käseweißen Rock zum schwarzen Hippie-Soul. Ein bisschen Rotary Connection, ein bisschen Sly Stone. Stilistisch ähnlich ist das folgende „Empty Ring“, nur dass hier der Bass soundmäßig immer genau an der Stelle absäuft, an der die Nummer einen hymnischen Harmoniewechsel haben sollte. So bleibt der Song nur monoton. „Long Time“ vom neuen Album klingt nach Velvet Undergrounds „White Light, White Heat“. Weller jagt „The Attic“ mit gehacktem Piano hinterher. Das Publikum tobt. Weller minus Soul kommt gut an.

Wären diese Menschen auch hier, wenn der gleiche Songwriter nicht auch „Town called Malice“ oder „My ever changing moods“ geschrieben hätte? Wohl kaum. Aber: Den alten Weller-Sound bekommen inzwischen auch andere hin. Und seit dem Erfolg von Amy Winehouse versuchen sich sogar Unbedarfte an Sixties- und Philly-Soul. Wie Weller Brücken zu verbrennen und neue Ufer zu suchen, ist da nur ehrenhaft. Paul McCartney hatte zum großen Aufbruch nie die Kraft, Elvis Costello wurde lieber zum Amerikaner und Noel Gallagher gehört in diese Aufzählung überhaupt nicht hinein.

Also säbelt sich der 57-jährige Paul Weller im Admiralspalast durch sein Solo-Repertoire. Der Jahrgangsgenosse von Prince und Madonna sieht blendend aus und bekommt so viel Jubel wie seit drei Berliner Konzerten nicht mehr. Am Ende applaudiert er gar dem Publikum, weil es ihm drei Zugabenblöcke abgetrotzt hat. Das innovative Element seines derzeitigen künstlerischen Schaffens findet sich dann hoffentlich auf dem neuen Album.