Roman

Sabine Ebert wird zum deutschen Ken Follett

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Mit „1815“ setzt die beliebte Autorin ihren Erfolgshit fort

Kopf oder Zahl? Früher warf man eine Münze, damit sich das Schicksal entschied. Heute rollt der Rubel so oder so, wenigstens auf dem Buchmarkt: Einerseits erscheint seit Jahr und Tag keine Biografie, die nicht durch runde Geburts- oder Todestage veranlasst wäre (Kopf). Andererseits sind die großen Köpfe der Geschichte, die ein ganzes Zeitalter definieren, dermaßen ergiebig, dass die Sachbücher zu den Ereignisjubiläen sprießen wie Jahresringe in Baumstämmen (Zahl). Namentlich Adam Zamoyski, der große Essayist im Sachbuch, und Sabine Ebert, die Zahlenfee der XXL-Historienschmöker, liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen – und Jahreszahl-auf-Jahreszahl-Duell in der Titelgebung ihrer Bücher: 2012 erschien Zamoyskis „1812: Napoleons Feldzug in Russland“. 2013, zum Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig, kam Eberts „1813 – Kriegsfeuer“ daher. 2014 befand der Beck-Verlag, dass es Zeit für „1815: Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“ sei. 2015 steht Sabine Eberts 1815 – Blutfrieden“ auf der Bestsellerliste. Eine Taktfolge wie eine wohlchoreografierte Böllerschussparade aus den Kanonen der Reenactment-Vereine. Sie wissen schon, die Originalschauplatz-Nachsteller-Clubs.

Reenactment ist überhaupt das Zauberwort, um die literarische Gattung von Sabine Ebert zu begreifen. Ihre Historienromane funktionieren als Wimmelbild, in dem vor dem Hintergrund realer historischer Ereignisse und Gestalten eine Handvoll fiktiver Figuren durchs Panorama geschickt wird. Authentische Chronologie und szenische Detailschärfe – mit dieser Mischung ist Ebert nicht zufällig das buchgewordene Pendant zu den Rundgemälden eines Yadegar Asisi. In Eberts Büchern ist es Jette, ein wegen Fraternisierung mit französischen Soldaten gefallenes Mädchen aus der sächsischen Provinz, das seine Fisimatenten durch eine Laufbahn als Wundkrankenschwester wettmacht. Sie ist also als Augenzeugin der Sozial- und Kriegsgeschichte mittendrin statt nur dabei.

Die Handlung von „1815“ setzt nach dem Ende der Völkerschlacht 1813 ein – und endet in Waterloo. Wobei Ebert im Nachwort ausdrücklich betont, dass es sich nicht um Etikettenschwindel handelt, wenn ihr Plot erst nach 905 Seiten im titelgebenden Jahr ankommt. Sie möchte genau die Zeit zwischen diesen großen historischen Entscheidungsschlachten beleuchten. Die vergessenen Gemetzel und Gräuel an der Rückzugsroute Napoleons von Sachsen bis Paris und von Ligny bis Waterloo. Serviert wird ein auf Empathie zielendes, lokalpatriotisches Lesefutter. Wenn es so weitergeht, könnte Sabine Ebert bald ein Ken-Follett-Office gründen. Und was die nächsten Jubiläumsgroßlagen bringen? 2018 könnte ein Ebert-Epos zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) anstehen. Oder auch ein Buch zur Reformation (1517) und den Bauernkriegen.

Sabine Ebert: 1815 – Blutfrieden. Knaur, 1088 Seiten, 24,99 Euro