Debüt

Eine Brücke im Kampf der Kulturen: „Ismaels Orangen“

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Die Mutter Jüdin, der Vater Palästinenser.

Es ist ein schweres Erbe, das sowohl Claire Hajaj, Autorin ihres Debüts „Ismaels Orangen“, als auch die Kinder ihrer Romanhelden Judith und Salim Al-Ismael mitbekommen haben: der uralte Konflikt der Kulturen, heruntergebrochen auf die kleinste Zelle der Gesellschaft und doch so riesengroß und allumfassend.

Claire Hajaj – 1973 in London geboren – ist sich wohl bewusst, dass selbst eine familiäre Allianz auf tönernen Füßen steht. Denn die Ehe ihrer Eltern ist nach 25 Jahren, in denen sie „versucht hatten, uns in Hoffnung großzuziehen“, schließlich zerbrochen. Auch in ihrem Roman spielt diese Hoffnung eine große Rolle. Genauso wie Toleranz und das Bemühen, die jeweils andere Seite zu verstehen. Das macht ihr Buch, das man guten Gewissens auch ein Zeitzeugnis nennen kann, zu einem Appell an die Vernunft. Was geschieht in diesem wunderbaren Roman, der nicht nur einen detaillierten Blick in den krisengeschüttelte Nahen Osten und das europäische Umfeld ab 1948 gewährt, sondern zugleich eine mitreißende Geschichte zweier Familien erzählt, die unabhängig voneinander ihren eigenen Leidensweg beschreiten müssen?

Flucht und Überleben

Salim Al-Ismael ist noch ein kleiner Junge, der davon träumt, von seinem Orangenbaum, den seine Eltern bei seiner Geburt in Jaffa gepflanzt hatten, die ersten Früchte zu ernten. Der Traum endet jäh, als Zehntausende Juden, die während oder nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa nach Palästina auswandern, dort ihren eigenen Staat gründen. Salims Familie flieht nach Nazareth und leidet fortan unter den Repressalien der israelischen Regierung. Salim geht in den 60er-Jahren nach London, dort lernt er Judith kennen, die Tochter von Holocaust-Überlebenden. Die beiden verlieben sich und werden ein Paar.

Doch auf Dauer können weder Judith die palästinensischen Terrorattacken in Israel noch Salim die Gräueltaten der Israelis in den besetzten Gebieten ausblenden. Sohn Marc wird zum Sinnbild des Konflikts: arabisches Erbe contra jüdische Kultur. Claire Hajajs Roman hat einen entscheidenden Vorteil: Die gegensätzlichen Wurzeln der Autorin befähigen sie zur Unvoreingenommenheit. Mit klarem Blick analysiert sie die Gefühlswelt beider Seiten und ist sich sicher, dass ein Miteinander möglich ist – irgendwann.

Claire Hajaj: „Ismaels Orangen“. Blanvalet, 448 Seiten, 19,99 Euro