Belletristik

Péter Esterházy stolpert durch die ungarische Geschichte

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Die Türken sind aus Ungarn schon fast ganz vertrieben worden, man schreibt das 17. Jahrhundert.

Doch halt, hier kommen Zutaten aus anderen Zeiten vor, etwa Fotografien und die Übersetzung eines türkischen Textes per Google Translate. Péter Esterházys neues Buch „Die Mantel-und-Degen-Version. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten“ handelt von unserem Blick auf die Geschichte – und damit punktgenau von der Geschichte selbst.

Historie ist nach Esterházy etwas, das man glaubhaft erzählen kann, wenn man sich zu seinen kulturellen Prägungen bekennt, über die man dauernd stolpert. Die Geschichte, die sich auch mit der Europa umspannenden Historie der hochadligen Familie Esterházy identifiziert, ist „aus der Rede entstanden“, wie es im Buch heißt. Vordergründig geht es darum, dass der niederländische König Ludwig III. aus dem Hause Habsburg in geheimer Mission nach Ungarn reist, um Pál Nyáry zu treffen, Herr der Burg Gedöcs, der sich auch mit Ludwigs Rivalen, dem österreichischen Kaiser Leopold, gut versteht. Ein Doppelspion also. Und zugleich eine Vor-Inkarnation von Esterházys Vater, dem zentralen Motiv im Gesamtwerk des Autors. Worum es bei dem Treffen auf Gedöcs geht und wer wen mit welchem Resultat bespitzelt, bleibt unklar – aber das ist sowieso unwichtig. Es geht um die ungarischen Grundtraumata vom Sieg in der Niederlage, vom Topos des „sowohl als auch“ – garniert mit türkischer Küche, Sex and Crime. „Ungar zu sein, ist schwer“, lautet ein Schlüsselsatz.

„Hey, das Stolpern an sich ist die Erinnerung“, heißt es in einer Fußnote im Roman. Man kann sich eben die Habsburger nicht ohne ihre hängenden Unterlippen aus den Gemälden von Velázquez vorstellen und keine Schiffe im Nebel sehen, ohne an den Film „Casablanca“ zu denken. Überhaupt besteht dieses Buch etwa zu einem Drittel aus Fußnoten. Dies ist wohl eine augenzwinkernde Anspielung auf den Plagiatsvorwurf aus dem Jahr 2010, als der deutsche Autor Sigfrid Gauch sich darüber ärgerte, dass Esterházy ein Kapitel aus dessen Buch „Vaterspuren“ in seinen Jahrhundertroman „Harmonia Caelestis“ übernommen hatte.

Ironische Fußnoten

Esterházy liefert in seinem Buch einerseits echte Quellenangaben wie Federico Fellini, Inspektor Columbo, Thomas Mann, D.H. Lawrence, andererseits absurde Verweise wie jenen auf Thomas Bernhard, von dem er das schlichte Adjektiv „naturgemäß“ geklaut haben will. Auch packt er Kommentare in Fußnoten, die den Haupttext verneinen: „Ich fresse einen Besen, wenn er das tatsächlich gesagt hat“, heißt es da über einen Ausspruch des schwulen Kochs Zsigmond Kara am Hofe des türkischen Beylerbey.

Esterházy macht sich über alles lustig: über die ungarische Geschichte, über das Schreiben, über sich selbst. Manche Schilderungen sind tieftraurig und grausam, schlagen aber in Heiterkeit um: die brandschatzenden Türken, der Tod des eigenen Vaters, der liebe Gott, der seine schizophrene Hauskatze umbringt. Man weiß es nicht, Esterházy und der Herrgott auch nicht. Die krude, reale Geschichte selbst hat keine Spur der Eleganz eines Mantel-und-Degen-Romans. Sie findet sich dafür in diesen federleichten, von Witz und Melancholie durchtränkten Sätzen, mit denen Péter Esterházy graziös wie ein Florettfechter durch die Geschichte stolpert.

Péter Esterházy: Die Mantel-und-Degen-Version. Hanser, 240 Seiten, 19,90 Euro