Gedenken

„Wir laufen Gefahr, die selben Fehler wie früher zu begehen“

Günter Grass warnte in seinem letzten Interview vor einem neuen „Weltkrieg“

Günter Grass ist bis zu seinem Lebensende ein Skeptiker geblieben, der sich um die Zukunft der Menschheit große Sorgen gemacht hat. „Wir steuern auf den dritten großen Krieg zu“, sagte der Literaturnobelpreisträger in einem Interview der spanischen Zeitung „El País“, das nach Angaben des Blattes am 21. März in Lübeck geführt und am Dienstag erstmals veröffentlicht wurde. „Es gibt überall Krieg. Wir laufen Gefahr, die selben Fehler wie früher zu machen. Ohne es zu merken, als wären wir Schlafwandler, können wir in einen neuen Weltkrieg gehen“, warnte er. Der Autor des Romans „Die Blechtrommel“ war am Montagmorgen im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus gestorben.

Grass analysierte in dem Gespräch die aktuelle Situation kritisch: „Heute haben wir auf der einen Seite die Ukraine, deren Situation einfach nicht besser wird. In Israel und Palästina wird es immer schlimmer. Im Irak haben uns die Amerikaner ein Desaster hinterlassen. Es gibt die Gräueltaten des Islamischen Staates und das Problem in Syrien, das fast aus den Nachrichten verschwunden ist, obwohl sich die Menschen dort weiter gegenseitig umbringen.“

Die Europäer rief Grass dazu auf, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu verstehen und sich nicht so sehr von den Interessen der USA leiten zu lassen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion seien „keine ernsthaften Versuche“ unternommen worden, unter Einbeziehung Russlands eine neue Sicherheitsallianz zu gründen. Das sei ein Riesenfehler gewesen. „Der Ukraine wird ein Beitritt in die EU und danach in die Nato versprochen, da ist es nur logisch, dass ein Land wie Russland nervös reagiert.“

Neben den vielen politischen Konflikten beklagte Grass im Gespräch auch „das soziale Elend überall auf der Welt“ sowie die Probleme der Überbevölkerung, des Klimawandels und des Atommülls, „deren Folgen gar nicht beachtet werden“. „Es gibt ein Treffen nach dem anderen, aber die Problematik bleibt bestehen: Es wird nichts getan“, meinte er. Der Kapitalismus zerstöre sich unterdessen selbst. „All diese irrationalen Mengen Geld, die weltweit fließen, haben mit der Realwirtschaft nichts mehr zu tun.“

Im 20. Jahrhundert sei „die Unvernunft weniger ausgeprägt“ gewesen. Seine „Blechtrommel“-Figur Oskar Matzerath wäre nach Überzeugung von Grass dieser Tage „ein anderer Mensch“, der gegen „andere Widerstände“ würde kämpfen müssen. „Heute wäre er ein Computer-Freak, ein Hacker oder so etwas Ähnliches.“

Inzwischen ist bekannt gegeben worden, dass die Gedenkfeier für Günter Grass Anfang Mai im Lübecker Theater stattfinden soll. „Wir sprechen mit der Familie des gestorbenen Literaturnobelpreisträgers und offiziellen Stellen in Berlin noch das Datum und den Ablauf ab“, sagte der Leiter des Günter-Grass-Hauses, Jörg-Philipp Thomsa, am Dienstag. Grass habe ihm zu Lebzeiten gesagt, im Todesfall mit einem Gedenken im Lübecker Theater einverstanden zu sein. Zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland, darunter der Schauspieler Mario Adorf und der „Blechtrommel“-Filmregisseur Volker Schlöndorff, würden erwartet, sagte Thomsa.