Filmfestspiele

Selbstmordwald, Dreiecksliebe und Schlafkrankheit

Was im Mai beim Filmfestival von Cannes laufen soll

Die 68. Filmfestspiele in Cannes (13.-24. Mai) werden die ersten seit 38 Jahren ohne ihren legendären Direktor Gilles Jacob sein. Und schon scheint ihr Gedächtnis gelitten zu haben. Eine offizielle Pressemeldung vom Montag teilt uns mit: „Zum ersten Mal in der Geschichte von Cannes wird der Film einer Regisseurin das Festival eröffnen, ,La Tête Haute’ von Emmanuelle Bercot.“ 1987 wurde Cannes mit „Un homme amoureux“ von Diane Kurys eröffnet wurde, zweifelsfrei einer Frau. Vielleicht wollte Cannes nur nicht hinter Berlin zurückstehen, das im Februar mit Isabel Coixets „Niemand will die Nacht“ eröffnet hatte. Coixet besaß mit Juliette Binoche einen zugkräftigen Star aus Frankreich, Bercot präsentiert einen anderen, Catherine Deneuve, die es als Richterin mit jugendlichen Delinquenten zu tun bekommt.

Das größte Interesse dürften wieder Filme auf sich ziehen, die mit dem Wettbewerb gar nichts zu tun haben, aber das Festival als Aufmerksamkeits-Multiplikator benutzen. So läuft die Rückkehr von „Mad Max“ am ersten Festivaldonnerstag, dem gleichen Tag, an dem der Film weltweit ins Kino kommt. Auch „A World Beyond“, worin sich der Erfinder George Clooney in eine andere Welt jenseits von Zeit und Raum begibt, stellt sich nicht der Jury. „Alles steht Kopf“, der neue Pixar-Film, nutzt Cannes ebenfalls als Sprungbrett.

Amerikaner zeigen auch sonst starke Präsenz. In Gus van Sants „The Sea of Trees“ begeben sich Matthew McConaughey und Naomi Watts nach Japan in einen Selbstmörderwald. Sean Penn kehrt mit „The Last Face“ nach acht Jahren Pause zur Regie zurück; Charlize Theron und Javier Bardem lernen von einer Hilfsorganisation die Brennpunkte dieser Welt kennen. In Woody Allens „Irrational Man“ verliebt sich eine Studentin (Emma Stone) in ihren Lehrer (Joaquin Phoenix), und in „Carol“ von Todd Haynes verliebt sich Cate Blanchett in Rooney Mara. Nicht zu vergessen Terrence Malick, der in 40 Jahren nur fünf Filme gedreht hatte, in den vergangenen vier Jahren aber vier. Ob „Weightless“ – ein Doppel-Liebesdreieck mit Ryan Gosling, Christian Bale, Natalie Portman, Rooney Mara und Cate Blanchett – tatsächlich in Cannes läuft, wissen wir am Donnerstag nach der offiziellen Bekanntgabe.

Flüchtling in Frankreich

Die stärkste Konkurrenz für die Amerikaner scheint aus Asien zu kommen. Der Thailänder Apitchatpong Weerasethakul bringt seinen Schlafkrankheitsfilm „Love in Khon Kaen“. In Hou Hsiao-Hsiens „The Assassin“ ist eine Attentäterin in der Tang-Dynastie unterwegs. Auch die alten japanischen Cannes-Favoriten Naomi Kawase („AN“) und Hirokazu Koreeda („Umimachi Tagebuch“) bringen Neues. Das größte europäische Kontingent stammt aus Frankreich. Jacques Audiard, der seit „Ein Prophet“ Kultstatus besitzt, erzählt in einer Montesquieu-Adaptation von den Irrwegen eines tamilischen Flüchtlings im heutigen Frankreich. Guillaume Nicloux’ „Valley of Love“ vereint erstmals seit mehr als 30 Jahren Gérard Depardieu und Isabelle Huppert; des Weiteren werden die neuen Werke von Maïwenn („Mon Roi“) und Arnaud Desplechin („Trois souvenirs de ma jeunesse“) erwartet.

Das zweitgrößte europäische Kontingent könnten, eher überraschend, die Italiener stellen. Paolo Sorrentino, dessen „La Grande Bellezza“ seinen Siegeszug bis zum Oscar in Cannes begann, dürfte „La Giovinezza“ mit Michael Caine und Harvey Keitel bringen. Fest erwartet wird auch „Mia Madre“ von Nanni Moretti, dessen „Zimmer meines Sohnes“ vor 14 Jahren Cannes kollektiv in Tränen stürzte. Von deutschen Beiträgen war, kaum überraschend, im Vorfeld wieder einmal nicht die Rede.