Film

Raus aus der Stadt

Kunst oder Underground: Zum 11. Mal zeigt das Festival Achtung Berlin Filme aus der Region

Die Stadt ist die Hölle. Ein junger Türke muss sich in Kreuzkölln gegen die ganze Welt zur Wehr setzen. Gegen Luxussanierer, die den Kiez verändern und die Bewohner mit brachialen Mitteln verdrängen. Und gegen einen Nazi, der ihn als Kanake beschimpft. Der Blick von unten: Das ist die Ausgangslage in Andreas Piepers Film „Nachspielzeit“ mit Mehmet Atesci und Frederick Lau.

Die Stadt ist der Hammer: Ein junger Ire kommt mit seiner Band in die Stadt, eigentlich nur für einen Gig, verliebt sich aber gleich doppelt. In die Stadt. Und in eine Berlinerin. Der Blick von außen: Das ist die Startsituation von „Lost in the living“ des irischen Regisseurs Robert Manson mit Aylin Tezel und Tadgh Murphy.

Die Stadt ist das Ende: Ein junges Pärchen macht Schluss mit seiner Großstadtidentität. Erst zertrümmern sie mit Lust das Mobiliar in ihrem luxuriösen Dachgeschoss, dann verschenken sie ihr Geld und schließlich löschen sie auch all ihre digitalen Spuren. Bis auf einen Film, den sie drehen, in der Hoffnung, andere könnten es ihnen gleichtun. Der Blick von innen: Das ist das Szenario von Christian Moris Müllers Kammerspiel „Lichtgestalten“ mit Max Riemelt und Theresa Scholze.

Es geht auch ohne Förderung

Drei Perspektiven, drei Geschichten, drei Erzählweisen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und die doch eines verbindet: die Stadt als Kulisse. Sie gehören zu den Werken, die das Festival Achtung Berlin in seiner bereits elften Ausgabe zeigt. Eine Woche lang sind in sechs Kinos wieder Filme aus Berlin und Brandenburg zu sehen, je zehn Spiel- und Dokumentarfilme im Wettbewerb, neun mittellange Filme und 19 Kurzfilme. Mit dem radikalsten Werk, „Lichtgestalten“, eröffnet das Festival heute im Kino International.

Den „Berlin“-Stempel gibt es dabei in drei Kategorien, bei der Regie, der Produktion oder der Location. Der Location-Stempel wurde dabei nicht oft verwendet. Der klassische Berlin-Film, der auch in der Stadt spielt, ist in diesem Jahr deutlich in der Minderheit. Der Trend geht raus. Aufs Land. Oder gleich ins Ausland. In „Nachthelle“ von Florian Gottschick treffen sich ein paar Städter in ihrer Heimat in der Niederlausitz und stellen sich der Vergangenheit. In „Das Floß!“ von Julia C. Kaiser feiert eine lesbische Berlinerin einen Junggesellinnenabend nur mit Männern – auf einem Floß auf einem menschenleeren Mecklenburger See.

In „Im Sommer wohnt er unten“ von Tom Sommerlatte liefert sich ein ungleiches deutsches Brüderpaar ein Duell im französischen Ferienhaus ihrer Eltern. Und in „California City“ von Bastian Günther verliert sich ein von Liebeskummer geplagter Moskitojäger in der kalifornischen Mojave-Wüste.

Hajo Schäfer, der das Festival gemeinsam mit Sebastian Brose leitet, bestätigt diesen Trend. Ihm seien noch viel mehr Filme zugesandt worden, die im Umland, die draußen spielen. Das hat mehrere Gründe. Ein Rückzug, ein Ausbrechen ist natürlich immer ein willkommener dramaturgischer Griff. Dann studieren natürlich viele angehende Filmemacher an den Filmhochschulen HFF in Potsdam und DFFB in Berlin, drehen dann aber „zu Hause“, wie die Dänin Anna Sofie Hartmann ihr Drama „Limbo“. Oft gibt es auch pekuniäre Zwänge, wenn ein Film Fördermittel aus anderen Bundesländern bekommt, wo dann auch ein bisschen gedreht werden muss. Oder es ist, gerade bei den Ausflügen ins Ausland, ein bewusster Schritt, um sich mögliche neue Märkte zu erschließen.

Mumblecore gegen Kunstfilm

Das liebe Geld ist auch ein roter Faden der neueren Berlin-Produktionen. Denn viele sind nicht gefördert worden. Oder die Filmemacher sind es leid, zu warten, bis sich irgendwelche Fördergremien oder Fernsehredaktionen ihrer Stoffe erbarmen. Und drehen lieber drauflos. Mit Selbstfinanzierung oder Crowdfunding-Mitteln. Ein Akt der Befreiung, der auch stimulierend wirkt. So hat sich Julia C. Kaiser bei „Das Floß!“ gar nicht erst um eine Förderung bemüht, hat ohne Drehbuch „losgedreht“ und entdeckte, wie sie bekennt, den Mut, „den man sich leisten kann, wenn man nicht bezahlt wird.“ Auch „Liebe mich!“ von Philipp Eichholtz ist so ein Impro-Film, der ohne großes Budget und mit gerade mal sechs Seiten Drehbuch auskam, aber in zehn Tagen in Berlin realisiert wurde. Für diese Art des Drauflosdrehens hat sich aus dem amerikanischen Undergroundkino der Begriff Mumblecore durchgesetzt.

Viele Filme, die bei Achtung Berlin vorgestellt werden, stammen naturgemäß von den Hochschulen der Region. Und dabei sieht Hajo Schäfer zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen, die er auch an den jeweiligen Schulen festmacht. Von der HFF kommen eher die Mumblecore-Filme, auch in den vergangenen Jahren hat das Festival hier Filme wie Jakob Lass’ „Frontalwatte“ oder Axel Ranischs „Dicke Mädchen“ gezeigt. Auf der anderen Seite kommen sehr künstlerische Filme von der DFFB. Die, vielleicht gerade durch all die Querelen, die es derzeit dort gibt, neue künstlerische Handschriften freisetzt.

Insofern ist das Achtung-Berlin-Festival auch so etwas wie eine Leistungsschau der Schulen. Aber vor allem, so bringt es Hajo Schäfer auf den Punkt, geht es in den Filmen darum, „wie Leute in Berlin arbeiten, leben und lieben“.

Festival Achtung Berlin 15.–22. April, in den Kinos Babylon Mitte, International, Passage Neukölln, Tilsiter Lichtspiele, Filmtheater am Friedrichshain und Neue Kammerspiele Kleinmachnow. Programm: www.achtungberlin.de