Theater

„Allah liebt dich“ und jede Menge Parolen

Auf der Bühne des Maxim Gorki erzeugt Pamuks „Schnee“ politisches Schaudern

Gehört der Islam zu Deutschland? Das sollen andere verhandeln, für die Menschen in Karsberg gehört er zumindest zum Alltag, die Schwimmhalle soll zur Moschee werden und in der Sparkasse haben sie keine Sparschweine mehr. „Wir werden“, tönt Bürgermeister Herbert, „den Islam mit demokratischen Mitteln besiegen.“ Derweil rennt die Jugend des wirtschaftlich heruntergekommenen Ortes dem Islamisten-Demagogen Grün hinterher, der sie mit „Allah loves you“-T-Shirts ködert.

Karsberg gibt es gar nicht. Nicht in Wirklichkeit und nicht im Orhan Pamuks Erfolgsroman „Schnee“. Der spielt im anatolischen Provinznest Kars, aber der deutsch-türkische Regisseur Hakan Savaş Mican verlegt die Handlung für seine sehr freie Bearbeitung des Stoffs am Maxim Gorki Theater in eine fiktive deutsche Kleinstadt. Es ist eine Neubearbeitung seiner 2010 im Ballhaus Naunynstraße vorgestellten Inszenierung. Damals war dieser Ansatz schon sehr gut, heute, nach den Pegida-Demonstrationen, nach dem Houellebecq-Roman und dem „Charlie-Hebdo“-Anschlag, ist er bestechend. Er bleibt Satire, aber die funktioniert ja umso besser, je schärfer sich die Realität dahinter abzeichnet.

Auch bei Mican reist der Journalist Ka nach über 20 Jahren in seinen Heimatort. Als kafkaesk Verlorener stolpert Mehmet Yilmaz dabei mit der Vergangenheit im Gepäck und der Gegenwart im Nacken auf der Suche nach Wahrheit und nach seiner großen Liebe Seide (Lea Draeger) durch die eingeschneite Stadt. Die befindet sich im bürgerkriegsähnlichen Zustand, ein Schuldirektor wird ermordet, weil er seinen Schülerinnen den Schleier verbietet, der zweifelnde Koran-Schüler Johann (herzergreifend erschütternd: Nora Abdel-Maksoud) wird erschlagen. Und die Anführer der verfeindeten Lager hauen sich unter einem sich langsam absenkenden großen schwarzen Quader die Parolen um die Ohren. Islamisten-Anführer Grün, der bei Dejan Bućin im weißen Anzug popstarähnliche Züge trägt, spielt den Verführer, Herbert, Chef der Aktivistentruppe „Freies Karsberg“, ist bei Godehard Giese im braunen Anzug ganz deutschnational-korrekt.

Unser Freund Ka ist vor allem eins: verwirrt. Nicht zuletzt weil seine angebetete Seide nicht nur die Ex des Bürgermeisters ist, sondern offenbar auch mit Grün den Diwan teilte, was sie für ihn zur „Terroristen-Schlampe“ macht. So ist das, wenn das Private politisch wird. Gleichwohl schießt Hakan Savaş Mican häufig übers Ziel hinaus, versteigt sich in Albernheiten. Doch die Grundidee bleibt grandios und erzeugt in ihren besten Momenten politisches Schaudern, wenn etwa aus totalem Blödsinn wie der „Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse“-Polonaise in anschwellendem Chorgeschrei brandgefährliche Wut und Wucht entstehen.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2. Am 16. und 20. Mai, 19.30 Uhr.