Ausstellung

Es geht unter die Haut

Immer mehr junge israelische Künstler ziehen nach Berlin. Erez Israeli ist einer von ihnen. Der Tabubruch gehört bei ihm zum Programm

Es war so, dass die beiden Künstler irgendwann einen Ateliertausch für drei Monate vereinbarten. Norbert Bisky geht im Januar ins sonnige Tel Aviv, Israeli zieht ins wintergraue Berlin, das Studio liegt in Friedrichshain. 18 Quadratmeter für Bisky, 400 Quadratmeter für Israeli. Boxhagener Straße. Nette Nachbarschaft, Freunde um die Ecke, immer was los, Kneipen offen bis tief in die Nacht. Keine schlechte Ausgangslage, um sich wohlzufühlen, zumal er jetzt in der Crone Galerie, die auch Bisky vertritt, seine erste große Einzelausstellung auf gleich zwei Etagen zeigt.

Davidsstern auf die Brust nähen

Die Ausstellung „Between Ooooh and Aaaah“ dort ist ein Statement, die Provokation Programm. „Was hassen die Juden am Holocaust am meisten? Die Kosten,“ steht da auf einem weißen Blatt Papier. Israeli, der Jude, zeichnet Judenwitze an die Wand, eine ganze Wand der unteren Ausstellungshalle ist voll davon. In der oberen Etage hat sich Israeli selbst gemalt – mit Riesennase, im Hintergrund ein lichterloh brennendes Haus. Es gibt auch zwei Hampelmänner aus Spanholz, nackt, sehr männlich. Wenn man am Faden zieht, hopsen verschiedene Körperteile hoch. Die zwei Gesichter zeigen Bisky und Israeli, unschwer zu erkennen. Einer hat eine große Nase, der andere hat eine normale, dafür einen langen Pinsel in der Hand. Bisky wolle nicht, erzählt Israeli, dass er sich vor den zwei Hampelmännern fotografieren lässt.

Darf man jüdische Witze machen? Ja, man darf, man muss sogar, meint der 40-jährige Künstler. Das sei der einzige Weg, um mit Traumata und Katastrophen umzugehen, findet er. Die Witze hat er im Web gefunden, da gibt es viele Seiten, nicht nur mit jüdischen, auch mit deutschen Witzen. „Man lässt sonst die Witze nicht raus, das wagt sich keiner, erst über das anonymisierte Netz ist das möglich“, meint er. Ohnehin, sagt er, sei am Ende der Dialog über Kunst aufschlussreicher als das Motiv, das er zeigt. Demokratie ermisst sich daran, wie sie mit Kritik und Provokation umgeht. „Alles muss möglich sein“, sagt er. In Berlin funktioniert das, in Israel sei es schwieriger Kunst zu machen. Seine Galerie in Tel Aviv wiegelte ab, „das geht nicht, das geht zu weit!“

„In Jewish Lessons“ bringt er es fertig, mit Nadel und Faden einen Davidsstern auf seine Brust zu nähen. Die Haut sieht entzündet aus. Es geht um Schmerzen, es geht um die Einschreibung in den Körper, um Stigmatisierung in einer Zeit, als den Juden gelbe Sterne angeheftet und KZ-Nummern auf Brust und Armen eingestochen wurden.

Israeli schreibt die Geschichte in Berlin um. Er geht über Wochen ins Berghain, immer sonnabends um zwei oder drei Uhr früh. Den Einlassstempel, den er auf den Arm gedrückt bekommt, ein Kreuz, ein Herz oder was auch immer, lässt er sich bald darauf tätowieren. Ein riesiges Video zeigt den Vorgang, ziemlich gruselig sieht das aus, wenn man empfindlich ist. Reaktionen, genau die will er ja provozieren. Also steht er vor uns und krempelt seine Hemdsärmel hoch – acht Tattoos zeigt er auf beiden Unterarmen. Die Berliner Symbole nimmt er mit – sein Leben lang. „Tattoos hat heute jeder, da ist nichts besonderes dran“, meint er. Das Berghain liebt er, die Architektur, die Leute, den Tanz, die wilden, langen Nächte. „Wer erst einmal drin ist, kann dort machen, was er will.“ Das ist seine Freiheit hier in Berlin. Immer mehr junge israelische Künstler ziehen nach Berlin, aber eben nicht nur, weil alles preiswerter sei. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil viele Israelis auch einen deutschen oder europäischen Pass besitzen.

Israeli ist gefragt in Berlin. Interviews, Atelierbesuche, TV-Beiträge – alle wollen seine Meinung hören über Antisemitismus, Vorurteile und Übergriffe. Es scheint, als ob er der jungen, säkularen Generation von Israeli eine Stimme gibt. Natürlich hat er gehört, dass es zunehmend mehr Gewalt gibt gegen Juden in Berlin. Er wäre der Letzte, der das verharmlosen würde. Doch er fühlt sich sicher in Berlin, allerdings trägt er auch keine Kippa, das sagt er schon. Und in einigen Situationen vermeide er, Hebräisch zu sprechen. Einem Freund ist es passiert, dass er von einer Gruppe türkischer Jugendlicher einen Stoß verpasst bekam, als der in der U-Bahn Hebräisch sprach. Seine Freunde in Tel Aviv sagen zu ihm „Hey, du siehst so berlinisch aus“, meint er. Wir schauen ihn an: Bart, Undercut im dunklen Haar, Tattoos, Röhrenjeans, nichts besonderes für die Stadt. Er erzählt, dass viele junge Menschen seiner Generation, israelische wie deutsche, sich befreien wollen von der Last der Vergangenheit. „Sie hat so wenig mit der eigenen Gegenwart zu tun hat. 70 Jahre, das ist eine lange Zeit“, findet er.

Freiheit in Berlin

„Ich liebe Israel“, sagt er, „aber es ist schwierig. Politik wird immer konservativer. Die Hoffnung auf Frieden gibt es derzeit nicht. Wo ist unsere Zukunft?“ Und als Künstler fühlt er sich nicht frei, da fürchtet er gewisse Restriktionen, wenn es um Kritik an der Politik geht. „Das macht mir wirklich Angst“, sagt Erez Israeli.

Vielleicht ist daraus der Wunsch entstanden, nach dem Ateliertausch bald wieder nach Berlin zu kommen – und zu bleiben. Voraussichtlich im September bezieht er ein neues Atelier im Künstlerhaus Bethanien, gleich am Kottbusser Tor. Auch dort gibt’s sicher nette Nachbarschaft, auf jeden Fall Kneipen wie Sand am Meer. Hier wird er sich sicher auch wohl fühlen.

Galerie Crone, Rudi-Dutschke-Str. 26, Kreuzberg. Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 25. April. Norbert Bisky, „Balagan“, Bötzow Berlin. Bis 30. August.