Dokumentation

Alles halb so wild

Die Ästhetik neuer Tierfilme feiert die unberührte Natur selbst dort, wo es sie gar nicht gibt

Riesige Tierherden ziehen über Grasland. Hengste und Hirsche verteidigen ihre Harems, und im Kreislauf der Jahreszeiten erzeugen die ehernen Gesetze von Werden und Vergehen Bilder von überzeitlicher Schönheit und Wucht. Sogar der Winter ist eisig wie in Sibirien – ein Glücksfall, denn in Holland kommt das eher selten vor. Der Dokumentarfilm „Die neue Wildnis“, der jetzt im Kino läuft, war mit 750.000 Zuschauern in den Niederlanden der erfolgreichste Kinofilm. Man darf gespannt sein, ob sich hierzulande, wo inzwischen Wölfe durch Dörfer laufen und Wildschweine in Großstädten Alltag sind, das Publikum in gleichem Maß von den Bildern überwältigen lässt. Die Suggestivkraft dieser grandios fotografierten Lüge jedenfalls ist gewaltig.

Wir erleben im Jahreslauf das Naturgeschehen im „Wildnisgebiet“ Oostvaardersplassen, einem Areal von 5600 Hektar. Die Hälfte des Gebiets steht die meiste Zeit des Jahres unter Wasser. Die übrigen knapp 3000 Hektar teilen sich etwa 1000 „Wildpferde“, 600 „Wildrinder“ und 3000 Rothirsche. Das grenzt an Massentierhaltung, hat aber nach der Definition der niederländischen Forstverwaltung als „Wildnis“ zu gelten. Bei den „Wildpferden“ handelt es sich um Koniks, eine osteuropäische Hauspferdrasse. Die „Wildrinder“ sind Heckrinder, eine Hausrindrasse. Nur die Rothirsche können als echte Wildtierart gelten. Große Raubtiere, die die gewaltige Masse an Pflanzenfressern eindämmen könnten, fehlen. Füchse, Dachse, Raben oder Seeadler können die Kadaver verendeter Tiere gar nicht bewältigen. Im Winter sterben in Oostvaardersplassen die Großtiere zu Hunderten. Die Parkverwaltung ist dazu übergegangen, Kadaver zu entsorgen, weil Besucher sich über den Gestank beschwerten. So viel „Wildnis“ soll dann doch nicht sein. Wie kommt ein solcher Aberwitz zustande, den der Regisseur unter diskretem Verschweigen solcher Realien zu einer archaisierenden Wildniserzählung harmonisiert?

Können Fakten, kann schnöde Wirklichkeit dem ästhetischen Konstrukt „Wildnis“ überhaupt etwas anhaben? Ästhetisch gesehen ist „Die neue Wildnis“ als Tier- und Naturfilm auf der Höhe der Zeit, nicht nur was den Einsatz der Kamera angeht, die Bilder erzeugt, die für das unbewaffnete menschliche Auge nicht sichtbar sind. Dem Kino ist eine Affinität zum tierischen Mitgeschöpf gewissermaßen eingeschrieben. Deshalb ist auch die „Wildnis“ eine originäre Kinoangelegenheit. Wildnis ist für ein urbanes, naturfernes Publikum weitgehend das, was in den Bildmedien ästhetisch als solche verhandelt wird.

Die Schönheit der Wildnis, sie ist ein Sehnsuchts- und ein Kinostoff. In der Wirklichkeit ist es mit der Wildnis wie mit der Liebe. Sie erzeugt Kalamitäten am laufenden Band. Borkenkäferkalamitäten etwa im Nationalpark Bayerischer Wald, wonach dieses geheimnisvolle Waldmeer stellenweise aussah wie nach einem Atomkrieg. Die Wildnispädagogik musste aus allen Rohren feuern, um Wildnisfreunde davon zu überzeugen, dass Baumskelette schön sind. Zwischen den Skeletten wächst Neues. Die wahre Wildnis ist unserem ästhetischen Begriff von ihr immer voraus. Wie tröstlich!