Empfang

Der Heilige Neil gehört der ganzen Welt

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Berlin empfängt den Briten Neil MacGregor mit Begeisterung. Die Ansprüche an den Museumsmann sind sehr hoch

„Ist es eine nationale Tragödie, dass er London verlässt?“, fragt der „Guardian“ in seiner Donnerstagsausgabe. Gemeint ist MacGregor, der „Heilige Neil“, wie die Briten ihren Museumsstar nennen. Ihn im British Museum zu erreichen, ist in etwa so, als wolle man mit der Kanzlerin einen Termin zur Teatime vereinbaren. Überhaupt, Interviews möchte der Schotte dieser Tage ohnehin nicht geben. Im nächsten Monat, so heißt es aus dem Büro der Kulturstaatsministerin, wolle der 68-Jährige nach Berlin kommen. Mehr könne man noch nicht sagen.

Vielleicht möchte der Museumsmann zuerst etwas Abstand gewinnen. Er weiß, die Aufgabe, die ihn in Berlin mit dem Humboldt-Forum erwartet, ist riesig groß. Da fehlt noch jede Struktur – und auch das Geld. Und die Euphorie, die ihm bei der Nennung seiner Personalie aus Berlin entgegenschlägt, ist ungewöhnlich. Daran scheinen viele Ansprüche geknüpft – MacGregor erscheint wie ein Messias, der dem Humboldt-Forum endlich gibt, was ihm bislang fehlt: Inhalt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die monatelang hartnäckig um ihn warb, schwärmt also von dem „universellen Wissen“ des „exzellenten“ Deutschlandkenners.

Für Stiftungspräsident Hermann Parzinger, mit ihm im Intendanz-Team, ist er schlicht „der Ideale für diese Aufgabe“. Der Preußenchef ist sich sicher: „Seine inspirierende Art der Wissensvermittlung und sein weltweites Netzwerk wird dem Humboldt-Forum die nötige Strahlkraft verschaffen.“ Der Regierende Bürgermeister Michael Müller ist überzeugt, dass der Deutschlandliebhaber dem Humboldt-Forum „im Herzen unserer Stadt den Weg weisen“ wird.

Dass MacGregor geht, sei für die Briten eine harte Sache, meint Horst Bredekamp. Der Kunsthistoriker gehört zum dreiköpfigen Humboldt-Forum-Team. „Er ist ein Denkmal. Den Kranz, den er bekommt, hat er verdient.“ Wie sich das in Berlin gestalte, liege ganz an der Stadt, MacGregor sei eine der wirkungsmächtigsten Persönlichkeiten in der Museumswelt.

Gereon Sievernich, Chef des Gropius-Baus, lernte den Briten auf einer Tagung in Berlin kennen. Mit dem British Museum ist das Kreuzberger Kunsthaus in Kontakt, aus London gibt es des Öfteren Leihgaben. Die Berufung sei „wunderbar“, sagt Sievernich, „schreiben Sie wunderbar – mit Ausrufezeichen.“ Auch er hat in London die hochgelobte Deutschlandausstellung „Germany. Memories of a Nation“ gesehen, in der MacGregor versuchte, den Briten Deutschland einmal mit frischem Blick näherzubringen. An der Themse bestand deutsche Geschichte in der Wahrnehmung lange Zeit im Wesentlichen aus der Nazizeit. „Als ich da war, war das Haus überfüllt. Er schafft es, auf sehr geschickte Art, das Thema der Öffentlichkeit nahezubringen.“

Ein Porzellan-Rhinozeros, Marke Meissen, aus Dresden, sei sein Lieblingsexponat gewesen. Es zeigt, dass bei Deutschlandkenner MacGregor der Humor in der Kunst nie zu kurz kommt.

Auch bei der Stiftung Zukunft Berlin um Ex-Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer herrscht Begeisterung. „Neil MacGregor ist nichts anderes als die beste Wahl für das Humboldt-Forum – Gratulation! Mit ihm und der geplanten Intendanz kann es nun ernst werden mit den hohen Ansprüchen und den vielfältigen Ideen, die mit dem Humboldt-Forum verbunden sind.“ In London zeigt sich Jonathan Jones im „Guardian“ am Schluss versöhnt. „Die Briten“, schreibt er, sollten nicht zu nationalistisch denken. So einer wie MacGregor, der „gehört der ganzen Welt“.