Konzertkritik

Die französische Kultband Indochine erobert Berlin

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Im ausverkauften Postbahnhof können alle die Texte mitsingen

Bei der allerletzten Zugabe, die am Mittwochabend im ausverkauften FritzClub im Postbahnhof ein fulminantes Konzert beendet, tauchen plötzlich lauter Din-A-4-Zettel in Händen des Publikums auf. „Danke“ ist darauf zu lesen. Und „Merci“. Begeisterte Menschen halten die Zettel Richtung Bühne, auf der die französische New-Wave-Rockband Indochine um den drahtigen, strubbelköpfigen Sänger Nicola Sirkis sich gerade ein letztes Mal verausgabt. Sie haben in dieser Nacht Berlin erobert. Man sieht ihnen beim finalen Verbeugen die Erleichterung an. Denn es ist das erste Mal, dass Indochine in Berlin auftreten. Überhaupt in Deutschland. Und das nach mittlerweile 34 Jahren Bandgeschichte. In Frankreich gehören sie seit Jahrzehnten zu den Superstars des Pop. Sie treten in den größten Stadien vor 80.000 Menschen auf. Ihre bislang zwölf Studioalben verkauften sich mehr als zehn Millionen Mal. Und Songs wie „L’Aventurier“ oder „3e Sexe“ avancierten zu Klassikern des französischen Rock. Nur bei uns hat bisher eine eher kleine verschworene Gemeinde von ihnen gehört.

Indochine leiden wie viele großartige Bands am europäischen Syndrom. Egal in welchem Land – wer in seiner Landessprache singt und nicht von der britischen Insel stammt, hat schlechte Karten. Hier hat Europa immer noch starre Grenzen. Der trennende Schlagbaum heißt Sprachbarriere. So lassen sich aber immer wieder Entdeckungen machen, und man staunt, mit welcher Energie und Perfektion Indochine zu Werke gehen.

Keine gewaltige Bühne, kein Feuerwerk, keine Flammenwerfer, keine Konfettikanonen. Im Postbahnhof wird das Konzert aufs Wesentliche konzentriert. Der leuchtende Schriftzug des Bandnamens, das war es schon mit dem Bühnenbild. Davor drängen sich die fünf Musiker auf der kleinen Bühne und spielen mit rauer Eingängigkeit ihre Hits. Und das Schönste: Das Publikum kennt sie alle. Und singt die französischen Texte Wort für Wort lautstark mit. Faszinierend. Sänger Nicola Sirkis, inzwischen 55 Jahre alt, ist das einzige originale Bandmitglied. Er hat die Gruppe über die Jahre verjüngt. In Berlin ist neben Gitarrist Boris Jardel, Bassist Marc Eliard und Keyboarder und Gitarrist Oli de Sat mit dem Schweden Ludwig Dahlberg ein brandneuer Schlagzeuger dabei. Sirkis ist ein ausgebuffter Entertainer. Er ist ganz nah am Publikum, animiert immer wieder zum Mitmachen.

Man spürt bei manchen Songs, aus welcher Phase der Band sie stammen. Die aus den frühen 80er-Jahren klingen sehr punkverliebt, später wird das Ganze mit Elektropop angereichert, die neueren Stücke können ihre Nähe zum Stadionrock nicht immer verleugnen. Man hat Indochine schon als die französischen Depeche Mode apostrophiert. Doch allein durch die Melodie der französischen Texte wird ihr Sound zu etwas ganz Eigenem. Hätten sich Indochine auf englische Texte verlegt, sie wären vielleicht so populär wie ihre Kollegen von Air oder Daft Punk. Aber gerade der konsequente Einsatz der französischen Sprache macht diese Band so einzigartig. Zettel in die Höhe. „Danke!“ und „Merci!“.