Roman

Verstörend, pur, schockierend

| Lesedauer: 2 Minuten

James Purdys Skandalwerk kann wiederentdeckt werden: „Die Preisgabe“

Der Amerikaner James Purdy, der vor sechs Jahren im Alter von 96 Jahren starb, hat von jeher polarisiert, doch einige der namhaftesten Literaten der USA berufen und bekennen sich zu ihm. Nun liegt sein wohl wichtigstes Werk in einer Neuauflage vor. Das hat man ein Stück weit einem seiner Verehrer zu verdanken: Jonathan Franzen, der anno 2005 eine Laudatio auf Purdy hielt, die in diesem Band als Nachwort, ja als Nachruf mit abgedruckt ist. „James Purdys Roman“, schwärmt Franzen da, „ist so gut, dass im Vergleich dazu jeder andere, den man gleich im Anschluss liest, ein wenig posierend oder unaufrichtig oder selbstverliebt wirkt.“

Als Purdys Roman Ende der Sechziger erschien, war das ein Skandal. Purdy beschreibt darin eine Handvoll Verzweifelter im Chicago der Großen Depression. Aber sie verzweifeln nicht etwa an ihrer finanziellen Not, sondern an ihren Leidenschaften und Begierden. Der vermeintliche Protagonist ist ein Möchtegernliterat, der auf alten Zeitungen ein episches Gedicht auf das moderne Amerika kreieren will – und daran scheitert. Stattdessen stiehlt er sich die Not und die Briefe seiner Mitmenschen, auf der Suche nach wahren Geschichten, die ihm zur Sucht werden.

Eine dieser Geschichten ist die des jungen Amos Ratcliffe und des Bergarbeiters Daniel Haws, die sich lieben, dies aber nicht eingestehen können. Und dies beide auf ihre Weise sublimieren: Der Jüngere gibt sich erst einem Millionär, dann auch jedem anderen hin, der Ältere kehrt zurück in die Armee, wo er sich einem sadistischen Vorgesetzten bedingungslos preis gibt – wie als selbstauferlegte Strafe bis zur letzten Konsequenz.

Noch heute macht einen das verstörende Buch sprachlos ob all der Tabus, die da auf einmal verletzt werden. Purdy pfiff darauf, ob das schockierte oder nicht. Selten ist ein Roman so direkt, so pur, so roh hingeworfen worden. Bei Purdy, so noch einmal Franzen, „kann man Verzweiflung anprobieren. Und feststellen, dass sie einem besser passt, als man dachte.“

James Purdy: Die Preisgabe. Bruno Gmünder, 288 Seiten, 22,99 Euro