Literatur

Sie ist tot – und Bestsellerautorin

Marina Keegan starb mit 22 Jahren bei einem Autounfall und soll deswegen literarisch noch wertvoller sein

Marina Keegan ist tot. Nicht nur das: Marina Keegan ist jung und tot. Marina Keegan ist sogar jung, hübsch und tot. Was für ein Glück, dass sie davor ein paar sehr gute Texte geschrieben hat. Das zumindest brüllt der Umschlag des Buches „Das Gegenteil von Einsamkeit“ (S. Fischer, 288 Seiten, 18,99 Euro). Auf dem Buchdeckel ein großes Foto der Autorin. Jung, hübsch, etwas verloren und sehr charmant blickt sie in Schlabberpulli und Blümchenrock in die Kamera.

Im Klappentext geht es weiter: „Fünf Tage nach ihrer Uni-Abschlussfeier fuhr Marina Keegan mit ihrem Freund zum Geburtstag ihres Vaters nach Cape Cod. Die Eltern warteten mit Hummer und Erdbeerkuchen. Ihr Freund schlief am Steuer ein, der Wagen knallte an die Leitplanke …“ Dies ist nicht etwa die Zusammenfassung des Buchs, nicht der Plot einer der Storys, sondern ein Klappentext, in dem nichts steht, außer dass die Autorin sehr jung, sehr hoffnungsvoll und sehr, sehr tot ist. Nicht nur tot, sondern jung tot. Tragisch tot. Kurz: Verkaufsschlager – tot. Darüber prangt in großen, weißen Buchstaben „Marina Keegan hinterlässt der Welt furiose Stories.“

Dem Cover geht es nicht darum, dass Marina Keegan ein literarisches Ausnahmetalent war. Sondern darum, dass Keegan ein, weil totes, sehr gut verkäufliches Ausnahmetalent war. Das grässliche Cover wird Keegans sehr smarten Storys und Essays nicht gerecht. Der grellen, aufmerksamkeitsheischenden Buchgestaltung stehen zarte, sensible Texte gegenüber. Die Protagonisten unterscheiden sich beträchtlich. Mal geht es um eine alte Dame, mal um gestrandete Wale, mal um wohlsituierte Studenten. Ganz am Anfang ist ihre Abschlussrede von der Yale University abgedruckt.

Die Unterschiedlichkeit der Texte zeugt von einer Autorin, die sich ausprobiert hat. Die noch nicht genau wusste, wohin mit sich. Die auch genau das in ihrer Rede „Das Gegenteil von Einsamkeit“ thematisiert und damit ein lebensbejahendes Pamphlet geschaffen hat, das sich zu Gemeinschaft, zum Zweifeln, zum Leben bekennt. „Einige von uns wissen genau, was sie wollen, und sie sind auf dem Weg dorthin. Euch sage ich: Herzlichen Glückwunsch, aber ihr kotzt mich an“, schreibt sie. Die Worte einer jungen Frau, die Lust auf das Leben hat und schreiben kann.

Sie untersucht ihr Umfeld, seziert die zwischenmenschlichen Beziehungen ihrer Figuren, testet sie an Extremsituationen, an Krankheit, an Alter, an Tod, ohne sich jemals in Pathos zu verlieren. Ihre Protagonisten werden taub, sind blind, sterben. Keegan benutzt dies aber stets nur als Ausgangspunkt, von Interesse scheint ihr vielmehr, was solche Schicksale mit Menschen machen. Eine Autorin, die als Jugendliche vielleicht am Computer „Sims“ gespielt hat, Gott gespielt hat, mit der steten Neugier auf ein „Was wohl passieren würde, wenn …?“.

Alle Texte in der Sammlung sind gut, manche sind sehr gut. Bei vielen kann man sich vorstellen, dass Keegan sie vor der Veröffentlichung gern noch mal überarbeitet hätte. Aber sie hatte kein Mitspracherecht. Sie ist tot und Bestsellerautorin. Der Tod des Autors scheint dafür zu sorgen, dass ein Verlag in Zeiten von E-Book und Umsonstkultur aufatmet und eine kleine Party zur Rettung der Gutenberg-Galaxis schmeißt.

Der Tod, das Makabre, das Echte verkauft sich, das ist nicht erst seit Wolfgang Herrndorf oder David Foster Wallace sehr klar. Wenn sich das dann aber so grotesk in der Covergestaltung niederschlägt, wird es unangenehm. Sollte man dieses Buch kaufen? Nein. Sollte man dieses Buch lesen? Auf jeden Fall.