Jubiläum

Ist Otto von Bismarck heute noch ein Aufreger?

Festakt zum 200. Geburtstag des Eisernen Kanzlers mit Bundespräsidenten Gauck und Finanzminister Schäuble

Kurz nach dem Mauerfall, im Jahr 1990, war Otto von Bismarck noch ein ganz heißes Eisen. Da diskutierte die alte Bundesrepublik über ihre neue Hauptstadt: Bonn oder Berlin? Und die Ängste vor dem schlafenden Drachen Preußen waren groß. So als trügen wir Deutschen unausrottbar ein machthungriges Preußengen in uns, vorübergehend ruhiggestellt, doch nun im wiedervereinigten Deutschland erhebe sich wieder der alte, pickelhaubenbewehrte Geist.

Bismarck stand für eine brutale Machtpolitik. Ein Eiserner Kanzler, der sich nicht scheute, Kriege zu führen, um politische Ziele durchzusetzen. Wo wurde 1870/71 das deutsche Kaiserreich gegründet? In der guten Stube des Feindes, im Spiegelsaal von Versailles, provokativer geht es nicht. Bismarck und Berlin, sie gerieten 1990 unter Generalverdacht.

Nun, 25 Jahre später, feiert man im Schlüterhof des Zeughauses den 200. Geburtstag des Staatsmannes Otto von Bismarck. Der Bundespräsident ist gekommen, Finanzminister Wolfgang Schäuble und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Draußen wütet ein Sturm, über dem gläsernen Dach des Lichthofs rasen die Wolken, doch hier drinnen beim Festakt ist der Ton milde. „Eine faszinierende, komplizierte, ambivalente Persönlichkeit“ sei Bismarck gewesen, sagt Rüdiger Kass, der Vorsitzende der Otto-von-Bismarck-Stiftung eingangs. Die Tonart des ganzen Abends. Ururururopa war ein schwieriger, knorziger Geselle, aber doch interessant. Wir mögen den Alten doch ganz gern.

Wer noch unsicher war, der hat mit diesem 200. Geburtstag des Reichsgründers den endgültigen Beweis: Preußen ist so etwas von mausetot. Kein Gefühl regt sich mehr für dieses einst so kraftvolle Königreich, das Berlin hervorgebracht hat. Die Deutschen zu preußisch? Diese Angst treibt uns nicht mehr um. Berlin ist die Stadt des BER, wir kriegen nicht mal einen Hauptstadtflughafen hin. Selbst wenn wir noch finstere preußische Pläne aushecken sollten, der BER zeigt, wir könnten sie eh nicht umsetzen. Was hätte Bismarck wohl dazu gesagt? Nein, diese Stadt wird nicht mehr von Blut und Eisen regiert. Sondern von Eventmeilen, Public Viewing und dem Menschenrecht, mit einer Bierflasche in der Hand über den Kudamm zu schlendern.

Und so kann Wolfgang Schäuble eine gelassene und doch selbstbewusste Rede über Bismarck damals und die Deutschen heute halten. Unsere Politik in Europa sei nicht „deutsch“, sie beanspruche keine Hegemonie, keine Vorherrschaft. Nein, die deutsche Politik sei schlicht und einfach „vernünftig“. Europa vertrage keinen Bismarck mehr, seine 28 Staaten seien „gleichberechtigte Partner“ – allerdings seien einige Partner halt erfahrener und umsichtiger als die anderen. Deutschland nimmt die Kleinen an die Hand, aber wir zerren sie nicht zu ihrem Glück, wir sind eher wie Vorschulkinder in der Kitagruppe, die für die Jüngeren verantwortlich sind. Stolz tragen wir die Leuchtweste Europas! Zur Sicherheit aller.

Auch Bundespräsident Gauck lobt Bismarck. Beispielhaft seien seine „Energie, sein politischer Wille“ gewesen. Ein Trio spielt noch Schuberts Notturno, dann ist der Abend aus, es geht hinaus in die Nacht.

Dort steht man Unter den Linden und ist umringt von Baustellen. Der Rohbau des Schlosses steht da. Dort das wiedererrichtete Kommandantenhaus, dahinter das Gerüst für die Schinkelsche Bauakademie. Preußen, Preußen, wohin man schaut. Wir überbauen unsere Leere mit preußischer Vergangenheit, die nur noch pittoresk erscheint. Berlins alt-neue Mitte – ein riesiger Freizeitpark. Kinder, heute gehen wir ins „Prussia Land“. Und Otto von Bismarck? Da kommt er schon angewackelt, mit riesiger Plüschpickelhaube, er ist das Parkmaskottchen.