Musikkritik

Ausnahmegeiger Gidon Kramer muss ohne Argerich spielen

Gedrückte Stimmung bei den Staatsoper-Festtagen. Trauer und Enttäuschung in der Philharmonie. Martha Argerich, die wahrscheinlich beste Pianistin aller Zeiten, hat kurzfristig abgesagt.

Offizielle Begründung: eine fiebrige Erkältung.

Wirklich überraschend kommt dies wohl für die wenigsten. Schon gar nicht für den Veranstalter. Berühmt-berüchtigt ist die Argentinierin für ihre Rückzieher. Nur die Mutigsten wagen es noch, sie zu verpflichten. Eine Auftrittsgarantie kann und will die Argerich nicht geben. Schier unmenschlich lastet der Erwartungsdruck auf der mittlerweile 73-Jährigen, sorgt immer wieder für Panikattacken und plötzliche Erkrankungen. Soloklavierabende gibt sie aus diesem Grund schon lange nicht mehr. Nur an der Seite vertrauter Duopartner und langjähriger Dirigentenfreunde fühlt sie sich verhältnismäßig sicher. In den letzten Jahren war es Daniel Barenboim immerhin gelungen, die Argerich mehrmals erfolgreich zu den Festtagen in die Philharmonie zu locken. Ihre Fans schwangen im Glück.

Diesmal bietet sich ein anderes Bild. Barenboim ist zwar Initiator des Abends, aber nicht direkt beteiligt. Ausnahmegeiger Gidon Kremer, der verbliebene Teil des angekündigten Kammermusik-Traumduos, tritt vor eine deutlich ausgedünnte Zuhörerschaft. Anstelle von Mieczysław Weinbergs fünfter Sonate für Violine und Klavier rückt er sich dessen zweite Solosonate auf dem Notenpult zurecht. Von Zeit zu Zeit senkt er sich in die Knie, zieht die Schultern hoch, winkelt das Künstlerhaupt tief in die Partitur. Eine schmerzgespannte, demütige Haltung ist das. Eine Haltung, die sich umgehend auf seinen Geigenton auswirkt. Und dieser Ton lässt sich kaum mit Ohren fassen: eine Mischung aus Raunen und Flüstern, Seufzen und Stöhnen. Verzweiflung und Energie prallen in Kremers Spiel aufeinander. Er fordert kompromisslose Wahrhaftigkeit. Ein purer Glücksfall für Weinberg, einen überaus produktiven, aber weitgehend vergessenen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Kremers Überzeugungskraft erhebt ihn zu großer Kunst.