Theater

Spott für den Zornigen

Für den Kulturstaatssekretär Tim Renner ist Claus Peymann ein „trauriger, älterer Mann“

Bis zum gestrigen Freitag standen Berlins Staatssekretär für Kultur, Tim Renner (SPD), zwei Möglichkeiten offen, nachdem der Intendant des Berliner Ensembles (BE) ihn attackiert hatte: Schweigen oder Gegenattacke. Er sei die „absolut größte Fehlbesetzung des letzten Jahrzehnts“ hatte Renner über sich von Claus Peymann erfahren müssen. Zudem hatte dieser sich bei dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) in einem offenen Brief – „durch Boten überbracht“, wie es im Briefkopf stand – beschwert und Renner nachgesagt, er würde „kein Fettnäpfchen auslassen“. Und sei das nicht genug der Verwerflichkeiten, wolle Renner ihn seit Monaten nicht treffen.

So weit, so kleinkindlich. Tim Renner jedenfalls hätte den Versuch starten können, einen einvernehmlichen Weg zu wählen. Er hätte, nur als Beispiel, mit einem Karton guten Rotwein im Gepäck beim BE vorbeigehen und in einem Gespräch die Missstimmung beseitigen können. Hat er aber nicht. In einem Interview auf Radioeins äußerte Renner stattdessen demonstrativ falsches Mitleid: Peymanns Situation sei schwierig, das müsse man auch verstehen. Dieser sei 16 Jahre an dem Haus gewesen und bald weg. „Das ist ein älterer, trauriger Herr, der um sich schlägt.“ Renner spottete über den zornigen Mann – kein Mittel, um den Konflikt zu deeskalieren.

Man mag die Auseinandersetzung als Posse abtun, aber sie trägt auch zur Klärung der Volksbühnen-Situation bei. Renner hat klargestellt, dass Chris Dercon, Direktor der Londoner Tate Gallery, Frank Castorf nicht alleinig an der Volksbühne nachfolgen soll. Er könne versprechen, dass „die neue Leitung“ der Volksbühne „ein profundes Theaterwissen“ mitbringen werde, inklusive Regieerfahrung – „und das hat Dercon nicht.“ Der Kulturstaatssekretär spricht auffällig über „neue Leitung“ statt über einen „neuen Intendanten.“ In den kommenden Wochen wird er wohl ein Team präsentieren. Führung auf mehrere Köpfe verteilen macht er gern. So wird Oliver Reese die Leitung des BE ab 2017 übernehmen, Teil des Leitungsteams dort wird der Dramatiker Moritz Rinke sein.

Es sind die Lehrtage eines Quereinsteigers: So ist ihn die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Sabine Bangert, überraschend hart angegangen: Renner neige demnach zu Schnellschüssen, habe einen starken Fokus auf die freie Szene und kenne sich in der Kulturpolitik ansonsten noch nicht gut aus. Das ist eine populäre Haltung, nährt sie doch alle Vorurteile, die geäußert wurden, als der Musikmanager Renner vor gut einem Jahr ernannt wurde. Neu hingegen ist, dass Grünen-Politiker eine mutmaßliche Nähe zur freien Szene als kritikwürdig betrachten. Bei der CDU hingegen ist man voll des Lobes für Renner. Er sei ein Mann, der zuhören könne, offen für Vorschläge sei und nur Dinge verspreche, die er auch halten könne. So beschreibt ihn Uwe Lehmann-Brauns, der kulturpolitische Sprecher der Partei gegenüber der Berliner Morgenpost.

Vielleicht ist die gesamte Aufregung auch Symptom einer breiteren Unzufriedenheit der Theaterschaffenden. Frank Castorf hatte vor zwei Wochen die „Nichtprofessionalität“ der Berliner Kulturpolitik insgesamt in einem Gespräch mit der „Zeit“ kritisiert und sich explizit auch auf die Wowereit-Ära bezogen. Und Peymann hatte im Radioeins-Interview Renner vorgeworfen, er habe „keine Liebe zum Theater“. Es ist keine neue Beobachtung, dass auffällig viele Theaterleute ständig zwischen den Polen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexe pendeln. In den Tagen der Auferstehung ist man wieder beim Größenwahn.