Michael Barenboim

Die Musik bleibt in der Familie

Bei den Festtagen dirigiert Daniel Barenboim und Sohn Michael wird am Orchesterpult stehen

Dass sich Vater und Sohn nahe sind, ist bekannt. Aber ein Unterschied fällt sofort auf. Wenn Stardirigent Daniel Barenboim sich auf ein Gespräch einlässt, dann zündet er sich zunächst genießerisch eine gute Zigarre an. Geiger Michael Barenboim fragt vorher, ob man selber auch rauche? Bei einem Nichtraucher bleibt die Zigarettenschachtel unberührt auf dem Tisch liegen. Über das West-Eastern Divan Orchestra, das am heutigen Sonnabend im Rahmen der Festtage in der Philharmonie spielt, sprechen wir. Daniel Barenboim wird wieder am Dirigentenpult stehen. Aber was die wenigsten wissen, Michael Barenboim leitet als Konzertmeister am vordersten Orchesterpult die Musiker an.

Das Friedensmodell

Über das Orchester, in dem junge Musiker aus Israel und umliegenden arabischen Ländern gemeinsam spielen, ist schon viel geschrieben worden. Einige bezeichnen es als ein Friedensmodell. Zweifellos ist das Orchester ein Hoffnungsschimmer, denn während es im Nahen Osten immer blutiger, chaotischer, unübersichtlicher zugeht, finden sich zwei Mal im Jahr die jungen Musiker über Ländergrenzen hinweg zusammen, proben, streiten, reisen gemeinsam und geben Konzerte. „Das erste, was uns verbindet, ist die Musik“, sagt Michael Barenboim. „Und es ist doch auch dem Publikum letztlich egal, wo die Musiker herkommen. Wenn sie heute ins Konzert kommen, dann hören sie Debussy, Boulez und Ravel. Sie hören doch nicht Israel, Türkei oder Jordanien. Die Gedanken über die Besetzung des Orchesters macht man sich als Besucher doch nur am Anfang. Und es geht sowieso immer schief, erraten zu wollen, wo jemand herkommt. Das Herkunftsland lässt sich äußerlich nicht bestimmen.“

Die Besetzung ist relativ stabil. Dem 1999 im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs in Weimar gegründeten Orchester gehören heute rund 40 Prozent Israelis, 40 Prozent Araber, Türken und Perser sowie 20 Prozent Spanier an. Leidenschaftliche Diskussionen über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gehören von Anbeginn mit zum Programm. „Es sollte zunächst ein Forum für Musiker aus der Region sein“, sagt Michael Barenboim. Keiner wusste, wie viele kommen würden. „Es geht nicht darum, alle Musiker auf einen Konsens zu bringen, sodass sie sich gezwungen fühlen, alle dieselbe politische Meinung zu vertreten“, so der Konzertmeister: „Der Ost-West-Divan soll ein Denkmodell für die Region sein. Ein Denkmodell, in dem Ideen und Projekte im Miteinander entstehen, und man nicht über Panzer und Raketen nachdenkt. Wir glauben, dass der Konflikt der Region nicht militärisch lösbar ist.“ Wer diesen Grundsatz nicht teile, der passe nicht in das Orchester. Aber derjenige wolle ja auch gar nicht in das Orchester.

Michael Barenboim wurde 1985 in Paris geboren und begann bereits als Vierjähriger mit dem Klavierspiel. Als sein Vater 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden wurde, zog die Familie mit nach Berlin. Michael Barenboim stieg auf die Geige um, die Berliner Musiker Abraham Jaffe und Axel Wilczok wurden seine Lehrer. Seit 2000 spielt im West-Eastern Divan Orchester, drei Jahre später rückte er ans erste Pult vor. Darüber hinaus ist er vor allem als Solist unterwegs. 40 bis 50 Konzerte gibt er pro Jahr. Er hat mit den Wiener Philharmonikern gespielt, mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Pierre Boulez, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Mariss Jansons und den Münchner Philharmonikern unter Lorin Maazel.

Der Geiger Michael Barenboim gehört mit zum Familienunternehmen. Er spielt mit seinem Vater bei dessen Festtagen der Staatsoper und auch beim „intonations“-Festival, das vom 18. bis 23. April von seiner Mutter, der Pianistin Elena Bashkirova, im Jüdischen Museum Berlin veranstaltet wird. Der Frage, mit er wem lieber musiziere, weicht er geschickt aus. Er habe eine enge Beziehung zu beiden, sagt er, aber er spiele ja gerne auch mit anderen Musikern. Gerade Kammermusik. Michael Barenboim hat offenbar von klein auf gelernt, möglichst wenig über seinen berühmten Vater auszuplaudern. Seine liebste Antwort diesmal lautet: „Ja, keine Ahnung. Weiß ich gar nicht.“ Früher wurde er einmal gefragt, ob bei den Barenboims zu Hause normale Gespräche am Abendbrottisch geführt wurden? Er konterte, er wisse nicht, worüber man normalerweise anderswo sprechen würde. Er fand es jedenfalls ganz normal, viel über Musik zu reden. Es ist auch eine blöde Frage. So wie Ärztekinder glauben, die Welt bestehe vorrangig aus Ärzten und Kranken, glauben Musikerkinder daran, dass der Musikerberuf der weit verbreitetste wäre.

Verheiratet mit einer Pianistin

Michael Barenboim ist selbst mit einer Pianistin verheiratet, vor wenigen Monaten kam ihr Sohn Etienne auf die Welt. Eine Pianistin, das liegt in der Familientradition. Einzig David Barenboim, der zwei Jahre ältere Bruder von Michael, hat einen anderen Weg gewählt. Er ist Hip-Hop-Produzent in Berlin und als Musiker KD-Supier unterwegs. Michael Barenboim findet das völlig normal. „Er ist auch Musiker, kein Mathematiker oder Ingenieur“, sagt er. Die Brüder sehen sich regelmäßig, auch wenn es musikalisch nur wenige Schnittmengen gäbe. „Was manchmal vorgekommen ist“, so der Geiger, „dass er ein Live-Instrument brauchte und ich das für ihn eingespielt habe.“

Bei der Frage, wie es denn sei, in einem Orchester zu spielen, das der eigene Vater gegründet habe, schüttelt Michael Barenboim plötzlich den Kopf. „Ich bin Sohn des Teilgründers“, sagt er und verweist auf Edward Said. Der 2003 verstorbene Literaturtheoretiker galt als Sprachrohr der Palästinenser in den USA. „Ich habe Edward Said in der Anfangszeit noch erlebt, wie er mit den Orchestermitgliedern geredet hatte. Und diese Diskussionen aktiv mitgestaltet hat. Ich muss sagen, das hatte einen Rieseneinfluss darauf, wie sich das Projekt entwickelt hat.“ Natürlich habe Said nicht dirigiert, und Dirigenten werden immer zuerst wahrgenommen. Er verneint, selber Dirigent werden so wollen. „Ich glaube, das ist etwas, was ich nicht gut machen würde.“

Mit seinem Vater teilt Michael Barenboim auch die Leidenschaft für den Zwölfton-Komponisten Arnold Schönberg. Im Hinausgehen erzählt er von ihrer ersten gemeinsamen Einspielung, das ist Schönbergs Violinkonzert mit den Wiener Philharmonikern. Er ist stolz darauf. Dann, draußen angekommen, zündet er sich eine Zigarette an.