Musikkritik

Sebastian Weigles umjubeltes Brahms-Regiment

Sausender Schritt, zackige Verbeugung, perfekt schwingender Seitenscheitel. Sebastian Weigle, Generalmusikdirektor an der Oper Frankfurt seit 2008, kehrt in die Philharmonie zurück.

Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1961, trifft dort auf einen Klangkörper, der ebenfalls zurückkehrt: das Rundfunk-Sinfonieorchester, noch vor ein paar Tagen auf ausgedehnter Asientournee unterwegs. Unter seinem Chefdirigenten Marek Janowski und mit allen Brahms-Sinfonien im Gepäck. Zurück in Berlin übernimmt nun Kapellmeisterkollege Weigle die Nummern drei und vier. Und das wirft staunende Fragen auf: Warum dirigiert Janowski die Brahms-Sinfonien nicht selbst? Schafft es Weigle in kürzester Zeit, eigene Akzente zu setzen? Wie flexibel mag das Rundfunk-Sinfonieorchester wohl reagieren, das auf seiner Brahms-Reise komplett auf Janowski eingeschworen war?

Zu Beginn der dritten Sinfonie in F-Dur op. 90 zeigen sich die Musiker noch recht zerzaust. Sie müssen erst ihre innere Balance finden. Weigle merkt das. Er lässt dem Orchester Zeit. Erst in der Expositionswiederholung des Kopfsatzes dreht er richtig auf. Er treibt das Rundfunk-Sinfonieorchester mit ausholenden Gesten voran. Weigle wirkt in diesen Momenten wie ein Halbbruder von Maestro Christian Thielemann. Alles andere als ästhetisch, aber ziemlich effektiv. Das Publikum kann bei Bedarf einfach die Augen schließen, das Orchester dagegen muss immer wieder zum Dirigenten aufschauen. Denn auch in Weigles extremem Mienenspiel stecken wichtige interpretatorische Hinweise. Schlank und asketisch mutet dieser Brahms zunächst an, geprägt von Leichtigkeit und Eleganz. Das Andante dagegen blüht freizügig.

Das folgende Allegretto zelebriert Weigle gar wie eine grandiose Opernliebesszene mit unendlich dahinfließender Melodie. Vielleicht ist dies die schönste Kantilene, die Brahms in seinem Leben je konstruiert hat. Keine Frage: Ohne Marek Janowskis Vorarbeit wäre dieser Brahms so nicht möglich. Ohne Weigles emphatisches Regiment aber auch nicht. Langer, verdienter Applaus für die Berlin-Heimkehrer.