Konzert

Wie David Garrett seine Fans auf Brahms einschwört

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Das Brahms-Gesamtwerk für Violine und Klavier an einem Abend in der Philharmonie, das ist selbst für geübte Klassikhörer eine besondere Herausforderung.

Crossover-Geiger David Garrett weiß natürlich, was er seiner Fangemeinde da zumutet. Überrascht ist er dann aber doch, wie voll es im Großen Saal wird. Garrett greift zum Mikrofon. „Wer von euch hat sich denn schon mal Musik von Brahms angehört?“, möchte er wissen. Unzählige Hände schnellen nach oben. Garrett ist schon wieder überrascht. Und gerührt. Sein Plan scheint bereits jetzt aufgegangen, Phase 4 seiner Superstarkarriere ist längst eingeläutet. Nach Garretts schnellem Klassikruhm als Wunderkind, nach seiner beispiellosen Wiederauferstehung als Crossover-Virtuose, nach der Rückkehr zum klassischen Solokonzertrepertoire nun also der nächste Schritt: klassische Kammermusik.

Garrett kommt in coolen Schnürstiefeln, trägt darüber schwarze Jeans mit hängendem Hosenboden. Breitbeinig posiert er neben dem Flügel. Ein adretter Dutt bändigt seine blondgefärbte Mähne. An Garretts Bogenhand steckt ein silberner Totenkopfring. Sein Begleiter, der französische Pianist Julien Quentin, mutet optisch wie Garretts Gegenstück an: klein, blass, kahlgeschorenes Haupt. Während der hochgewachsene Geiger verzückt blinzelt, sticht Quentins Blick unerbittlich in die Partitur. Er erweist sich als routinierter, zuverlässiger Brahms-Partner. Auch Garrett zeigt sich perfekt vorbereitet. Man spürt, dass er sich in den letzten Monaten intensiv mit Brahms auseinandergesetzt hat. Sein fokussierter, leidenschaftlich zupackender Ton passt nicht immer, aber sehr oft. Etwas steif wirkt noch Brahms’ zweite Violinsonate op. 100. Der lyrische Duft, den Garrett in seiner Anmoderation verspricht, lässt auf sich warten. Im Adagio der dritten Violinsonate op. 108 blitzen Handykameras in verschiedenen Farben. Die allgemeine Aufmerksamkeit lässt kurzfristig nach. Im auftrumpfenden Presto-Finale verharrt das Publikum umso gebannter. Nur Brahms’ Scherzo aus der sogenannten F. A. Sonate reißt noch mehr mit. Jubelrufe und euphorische Pfiffe danach, stehende Ovationen. Drei virtuose Showzugaben zischen dem Publikum schließlich um die Ohren: Brahms’ Ungarischer Tanz Nr. 5, Montis Csárdás und Kreislers Tempo di Minuetto.